An den Galgen!

Es scheint zur Normalität zu gehören, seinen Mitmenschen aus nichtigen Gründen den Tod oder sonstige Gewalt an den Hals zu wünschen. Der Firnis der Zivilisation scheint ausserordentlich dünn und brüchig zu sein.

Eine Jugenderinnerung: Vor vielen Jahren hörte ich von einem kleinen Jungen – er dürfte damals knapp über 10 Jahre alt gewesen sein, inzwischen aber die 30 überschritten haben –, man sollte irgendwelche Leute (ich entsinne mich nicht, ob’s um Drogensüchtige, Linksautonome oder beides zusammen ging) doch am besten physisch liquidieren. Ich weiss auch nicht mehr, ob die Methode darin bestand, sie an die Wand zu stellen und mit dem Flammenwerfer zu traktieren, oder ob es darum ging, sie mit einem Bagger zu Brei zu fahren. Jedenfalls liess der junge Mann keinen Zweifel daran, dass besagte Menschen kein Anrecht hätten, unter uns Lebenden zu weilen.

Ich war damals mehr als irritiert ob dieser Aggressivität, war mir sicher, dass er sich das nicht selber ausgedacht, sondern von seinem Vater – übrigens ein rechtschaffener, im Umgang sehr angenehmer «Büezer» – aufgeschnappt hatte, der bei der Äusserung besagter Forderung übrigens zugegen war und diese mit einem wohlwollenden Lächeln quittierte.

Ich gestehe: Es irritiert mich noch immer.

Seit ich in einem vergleichsweise fortgeschrittenen Alter in die wundersame Welt der sozialen Medien eingestiegen bin, muss ich nun freilich feststellen, dass die verstörenden Aussagen des Heranwachsenden gar nicht so ungewöhnlich sind, wie ich es dachte. Immer wieder wird man auf Twitter, Facebook oder sonstigen Kommunikationsplattformen damit konfrontiert, dass über die Ausschaltung politisch Andersdenkender, Andersfarbiger, Andersgläubiger oder Anderselektrizitätbeziehenwollender fantasiert und fabuliert wird (vgl. dazu noch einen älteren Blogpost von mir). Da wird linken Politikerinnen gewünscht, sie sollen vergewaltigt werden; da wird Befürwortern von nuklearer Stromerzeugung gewünscht, sie mögen durch den qualvollen Tod durch den Strang aus dem Leben gerissen werden; da möchten Rechte die Linken mit Plastiksäcken ersticken, Linke möchten Rechte an die Wand stellen und erschiessen …

Als ich mich einmal öffentlich über diese Gewaltfantasien wunderte, wurde ich gefragt, wie ich mich denn so abreagiere. Als wären solche Fantasien eine ganz gewöhnliche Selbsttherapieform, ohne die es gar nicht möglich ist, den Irritationen und Widersprüchen des politischen und gesellschaftlichen Diskurses zu begegnen.

Als ein paar wenige Flugstunden von hier entfernt ein äusserst grausamer Bürgerkrieg tobte, in dem sich ehemalige Nachbarn, Freunde und Bekannte gegenseitig auf gewaltsame Weise aus dem Leben beförderte, war die Verwunderung in unseren zivilisierten Gefilden gross.

Ja, ich gebe zu, es ist schon ein Unterschied, ob man einem Mitmenschen wünscht, er möge am Galgen baumeln, oder ob man ihn tatsächlich aufknüpft. Aber der Wunsch ist der Handlung vorangestellt, und beide Haltungen entstammen derselben Idee: Wer die Dinge anders sieht als ich, wer anders aussieht, als ich und meinesgleichen, wer an etwas anderes glaubt als ich, der hat den Tod verdient.

Ich hoffe, der inzwischen nicht mehr ganz so junge Mann, den ich eingangs erwähnte, habe mittlerweile einen friedlicheren Weg gefunden, sich abzureagieren. Aber die Hoffnung ist nicht übermässig gross. Vielleicht sollten er und die vielen anderen, die sich in solche Gewaltfantasien reinsteigern, einfach mal folgende Weisheit beherzigen:

Pass auf, was du dir wünschst. Es könnte in Erfüllung gehen.

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6 Responses to An den Galgen!

  1. nggalai sagt:

    Ich kann „Gewaltphantasien als Ventil“ nachvollziehen. Was mir schwerer fällt ist, diese personengerichtet und damit als Form der verbalen Gewalt einzusetzen.

    Wenn mich etwas tierisch aufregt und ich ein „Ventil“ brauche schreibe ich eine Kurzgeschichte, meistens etwas mit einem Serienmörder drin. Besagter Serienmörder_in gibt dann auch meist ziemlich graphisch Gas, aber scheitert schlussendlich an seinem Ziel und beißt meistens selbst ins Gras. Dann geht’s mir wieder gut.

    Aber ich glaube, die Unterschiede sind klar:

    1) Weder sind solche Äußerungen öffentlich noch personenbezogen. Wer sich in den Geschichten wiedererkennen will darf das gerne tun, aber er/sie ist nicht direkt angesprochen.
    2) Damit ist’s auch kein persönlicher Angriff, kein „Argument“ und keine Forderung.
    3) Da im Verlauf des verbalen Auskotzens der fiktive „Täter“ sich entweder wandelt oder selbst stirbt geschieht bei mir eine Verarbeitung des Zorns. Nicht ein Reinsteigern.

    Ich finde, Gewaltphantasien gehören zum täglichen Leben, mehr oder weniger drastisch ausgeschmückt. Was aber aus meiner Sicht nicht geht sind solche Geschichten wie von Dir im Blogbeitrag geschildert. Und auch wenn ich kein Kulturpessimist bin denke ich, dass solche sprachliche Gewalt mit dem Zulauf zu „Sozialen Medien“ zugenommen hat. Woran sicher auch das hier einen Anteil hat:

    http://fishbowl.pastiche.org/2004/04/02/penny_arcades_greater_internet_fuckwad_theory/

    • Daniel Menna sagt:

      Danke für deine Antwort. Natürlich finde ich es gut, wenn man einen guten Weg findet, sich „auszukotzen“, und der von dir eingegangene scheint mir absolut ok und, wie du sagst, nicht mit dem vergleichbar zu sein, was ich in meinem Post schildere.

      Ein Missverständnis will ich noch ausräumen: Ich wollte nicht mutmassen, dass die Gewaltfantasien mit dem Zulauf zu sozialen Medien zugenommen hätte. Es ist nur so, dass ich dank dieser Medien überhaupt mirbekomme, in was für einer krassen Weise mitunter auf politisch oder sonstwie Andersdenkende verbal eingedroschen wird. Bis jetzt scheine ich mich in einem doch eher behüteten Umfeld bewegt zu haben.

  2. @drPfarrer sagt:

    Guter Post Daniel Merci.
    Die Frage stellt sich ja nun, was den Unterschied vom Gedanken zur Tat macht? Die Psyche? Das soziale Umfeld? Die (Familien-) Kultur? Alles in allem?
    Ich meinte mal gelesen zu haben, dass jeder Mensch ein potentieller Mörder sei. Aber nicht jeder ist dann auch einer. Umso wichtiger scheint mir, dass man ein Auge auf die „Psychohygiene“ hat. Sich „auskotzen“ ist tatsächlich ein gutes Ventil. Sei es durch das Ausüben eines Hobbys (Sport, Musik etc.) oder ein gutes Gespräch mit Freunden.
    Du schreibst [Es ist nur so, dass ich dank dieser Medien überhaupt mirbekomme, in was für einer krassen Weise mitunter auf politisch oder sonstwie Andersdenkende verbal eingedroschen wird.] das ist definitiv so. Mich erstaunt das leider wenig. Es gehört wohl leider zum Menschsein, dass sich die Menschen gegenseitig denunzieren. Das ist schon bei den alten Ägyptern, Griechen und Römern zu finden. Der Mensch wird, was das Zwischenmenschliche angeht, nicht klüger und weiser schon gar nicht. Hin und wieder flackern aber so Einzelne Friedenshelden wie du und @nggalai auf, die dagegenhalten. Das gefällt mir.

  3. Carmen Epp sagt:

    Interessanter Beitrag. Vorallem die letzten zwei Sätze. Zugegeben: Auch ich habe ab und an solche Gedanken, wie wir wohl alle. Wichtig ist, dass man sich des eigenen mörderischen Potenzials (das in jedem von uns schlummert!) bewusst ist. Und man jeweils einen Gedanken weitergeht: Wieso bringt mich dieses oder jenes zur mörderischen Weissglut? Dabei wird man fast immer feststellen, dass man selbst der Grund ist. Regen wir uns über was auf, sagt das immer viel über einen selber aus. Und viel besser als das Nervende eliminieren zu wollen, kann man durch die Arbeit an sich etwas bewegen. Wenn das nicht gelingt, empfehle ich als Ventil die Methode von nggalai: der kreative Umgang mit Aggressionen.

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  5. Rod sagt:

    Klar haben Sie Recht. Aber wenn es um diese Giardino Sache geht. Da frag ich mich nur. Wer um Himmelswillen interessiert sich für diesen Herr Suter. Warum so ein Aufruhr nur weil ein Betrunkener Armeefan sich unter jeder Schublade über den Bundesrat äussert? Am besten ignorieren und links liegen lassen. Ist nicht der Rede Wert.

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