Die Mamimanie

Ich wurde davor gewarnt, diesen Blogpost zu schreiben. Die Angelegenheit sei sehr heikel, und man begebe sich auf dünnes Eis, wenn nicht gar auf ein Minenfeld, hiess es. Nun denn, wohlan, frisch gewagt, ich werde es trotzdem tun, fest darauf vertrauend, dass ich nicht missverstanden werde.

Neulich im Zugabteil wurde ich Zeuge einer Unterhaltung zwischen zwei jungen Frauen, knapp unter oder über zwanzig. Es ging um eine ehemalige Lehr- oder Arbeitskollegin, die in ihrem jugendlichen Alter nun die Freuden der Mutterschaft erfahren durfte. Und das klang so:

  • „Häsch ghört? XY isch itz Mami“.
  • „Ja, krass he, wäisch wie“.
  • „Ja, wäisch wie, so jung u scho Mami? He, ich chönnti mir nie vorstele, itz scho Mami zsy“.
  • „Du, äini us miner früener Schuelklass isch ä scho Mami“.

Und so fort.

Was mich an der Unterhaltung irritierte, war weniger der Umstand, dass besagte Dritte inzwischen Nachwuchs zu Welt gebracht hatte, sondern vielmehr, dass konsequent von „Mami“ die Rede war. Das wäre mir vielleicht weniger stark aufgefallen, wenn ich nicht schon seit einer Weile bei der allmorgendlichen Zeitungslektüre, die mir meine Arbeit in umfassender Weise ermöglicht, die Feststellung gemacht hätte, dass in gewissen Medien (nennen wir sie metonymisch mal „Blick“) der Begriff Mami das Wort Mutter völlig verdrängt hat. Nein, das stimmt so nicht: Immer, wenn es um Mord, Totschlag, Misshandlung, Betrug oder sonstige unschöne Dinge geht, verschwindet das Mami, und die Mutter kommt wieder zu – wenn auch zweifelhaften – Ehren.

Mami-Komplex? Anthony Perkins als Norman Bates in A. Hitchcocks Film «Psycho»

Ich hatte mir erlaubt, diesen Sachverhalt auf Twitter zu Sprache zu bringen, was mir vereinzelt Bestätigung, mehrheitlich aber Widerspruch (von weiblicher Seite; die Herren Follower hielten sich vernünftigerweise still) einbrachte. Allerdings wurden meine Bemerkungen oft gründlich missverstanden. Mir ging es nie darum, dass ich die Begriffe „Mami“, „Mammi“ oder „Mam“ als Bezeichnung der jeweils eigenen Mutter ablehne. Es ging mir um „Mami“ als Fremdbezeichnung“. Wenn ich etwa lese, «’Nie wieder Sex mit der Ex‘-Star Kristen Bell wird Mami», regt sich in mir Widerstand. Die hübsche Dame ist 10 Jahre jünger als ich. Sie kann theoretisch viele Rollen in meinem Leben einnehmen: Die des „Mami“ ganz bestimmt nicht.

Was aber stört mich so sehr an dieser Mamimanie, dass ich unter Einsatz meiner Reputation sogar einen Blogpost dazu verfasse? Liegt es daran, dass wir in Bern nicht „Mami“ sagen, sondern „Mammi“ oder (wunderschön) „Muetti“ sagen? Ist es die Abwehr einer regionalen Variante, die gewaltsam in den generellen alemannischen Sprachgebrauch gepusht wird? Auch in der TV-Werbung ist nämlich immer wieder von „Mamis“ die Rede, selten von Müttern (vermutlich, weil Mord, Totschlag und dergleichen in der Werbung wenig Platz finden). Ich glaube freilich nicht, dass es ein so geartetes Kirchturmdenken meine Aversion begründet.

Vielleicht stört mich daran, dass ich dieses Versächlichung und Verniedlichung der Mutter als Respektlos, zu geschliffen und auf unangenehme Weise sauglatt empfinde. Mütter waren Respektspersonen (ok, vielleicht nicht bei Kaiser Nero, aber der hat seine Frau Mutter wohl auch nicht als Mami bezeichnet), Mamis sind Kumpels. Mütter tragen eine grosse Verantwortung für ihren Nachwuchst (so wie Väter auch); Mamis aber sind niedlich, mit niedlichen kleinen „jööö-härzig“-Babies dekoriert.

Wahrscheinlich führt das alles zu weit, und diese Abwehrhaltung von meiner Seite liegt in meiner römisch-katholisch-mediterranen Erziehung begründet. Allerdings ist die „Mamma“ in Italien als Fremdbezeichung weitgehend etabliert, daran wird es wohl nicht liegen. Vermutlich rege ich mich wegen nichts auf (aufregen ist ohnehin zuviel gesagt. Ich stelle es einfach tadelnd fest). Vermutlich geht es fast nur mir so.

Aber … Heilige Maria, Mami Gottes: Hört bitte endlich auf damit. Nennt eure Mütter „Mami“, wenn ihr wollt. Aber nennt die Mamis von anderen „Mütter“!

Update, 12.11.2012, 9:40

Ich wurde via Twitter darauf aufmerksam gemacht, dass die von mir angesprochene Problematik angesichts der schlimmeren Probleme, die das Menschengeschlecht plagen, schwerlich als relevant zu bezeichnen ist. Ich gestehe freimütig: Das ist mir bewusst.

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9 Responses to Die Mamimanie

  1. Mara Meier sagt:

    Die Mamisierung ist ein klassisch dialektisches Phänomen: „Mami“ als Antithese zu „MILF“. Die entsexualisierte, harmlose, auf das Znüniverpacken und Kuchenbacken hin mutilierte Frau als Antwort auf postpartal gesteigerte Anrüchigkeit, libidinöse Entfesselung und Enthemmung, Pornographisierung. Literarisiert bei Keller (Judith und Anna), für den klischierten Alltagsgebrauch: Heilige und Hure.

    Wir trösten uns damit, dass dialektische Systeme eine Synthese vorsehen.

  2. Ich kenne Kinder, die zur Belustigung »mis Mami« sagen und so die Betreuerinnen der KiTa nachäffen, die von Müttern immer nur als Mami sprechen – obwohl die Kinder selber ihren Müttern gar nicht so sagen… 

    Wenn du dein sprachliches Ballet schon über solche Minenfelder tanzt, vielleicht eine Idee für einen nächsten Blogpost: Wie soll man denn in der Öffentlichkeit von den Geschlechtsorganen sprechen, den männlichen und den weiblichen? Das wäre vielleicht eine Frage für Frau Freitag. Was meinst du?

    • Daniel Menna sagt:

      Nun ja, im Moment sehe ich noch keine Veranlassung, in der Öffentlichkeit von den Geschlechtsorganen zu sprechen 😉 Ich gebe indes zu: In der Hinsicht bin ich ein bisschen eigen.

  3. nurverwirrt sagt:

    Ist das nicht (auch) ein sprachliches Problem? Vor gut 10 Jahren hatte ich ein ähnliches Gespräch. Da ging es um die Frage warum im mundartlichen Gebrauch das unpassende Mutter bzw Muetter so grossen Anklang unter Jugendlichen findet. Wir kamen damals zu dem Schluss das es sich dabei un jugendliche Abgrenzung handelt. Das würde dich ja in deinen Aussagen unterstützen das Mami nicht für fremde Frauen passend ist.
    In ‚gewissen‘ schweizer Medien scheint es mir aber eher ein Versuch zu sein sich vom Deutsch-Deutsch ab zu grenzen. Leider haben solche Medien auch einen (schlechten) Einfluss auf den täglichen Sprachgebrauch.

    • Daniel Menna sagt:

      Ich glaube, das Sprachliche ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Phänomens, dessen Charakter und Tragweite ich aber nur erahnen kann. Der Kommentar von Mara Meier weiter oben trifft einen wichtigen Aspekt, denke ich zumindest: Verniedlichung, Entfraulichung, Mamisierung.

  4. Tine sagt:

    Passt die Mami nicht auch zu den Hausis, zum Kindi, zum Gymi, zum Spieli? Zumindest in Deutschland ist das sehr üblich, keine Ahnung, wie das in der Schweiz ist.

    • Daniel Menna sagt:

      Das finde ich allerdings interessant. Ich dachte eigentlich, das sei eine vornehmlich Schweizer Krankheit …

  5. swerder sagt:

    Wie dichtete doch mal so schön die Bildzeitung? „Die (Ornella, Anm. des Schreibenden) Muti wird Mutti.“ Mit der Berufsbezeichnung Mami impossibile.

  6. tinu sagt:

    ich bin ganz deiner Meinung, wobei ich einem Kind gegenüber den Ausdruck „dein Mami“ noch vertretbar finde. Was mich aber wirklich nervt, ist wenn es mit „es“ weiter geht. „Mami“ ist trotz -i keine Verkleinerungsform.

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