Die Sache mit dem Buch

Als Wibke Ladwig den mittelgrossen Saal in der Station Berlin betrat, um anlässlich der re:publica 13 ihr Referat mit dem Titel decoding a book – Was ist Buch? zu halten, entfuhr ihr so spontan wie fassungslos-gerührt: „Seid ihr verrückt?!“. Tatsächlich war die Frage berechtigt. An der re:publica, dem socialwebzweinullallesonlineoderwas-Event schlechthin, kommt ein Buchmensch und spricht über das Buch – und der Saal ist gerappelt voll. Als ich das sah, sagte ich zu mir: Vielleicht ist das Buch doch noch nicht ganz hingeschieden. Doch dann kamen die Zweifel: Vielleicht aber haben wir, die uns gedanklich noch damit befassen, es bloss noch nicht gemerkt. So wie Norman Bates in Hitchcocks Psycho seine inzwischen etwas erblasste Frau Mama partout nicht einer würdigen Bestattung zuführen will, halten auch wir (uns) an jenen umständlichen, platzraubenden, Staub ansetzenden und vermutlich auch klimamordenden Dingern fest, die bezeichnenderweise aus totem Holz angefertigt werden.

Ich habe in dem Zusammenhang übrigens eine interessante Beobachtung gemacht. Während auf der Seite der Buchapologeten kaum jemand den Sinn und Nutzen der Inhaltsbereitstellungsgeräte in Abrede stellt, vermittels denen man jene kurioserweise „E-Books“ genannte Dokumente speichern und anzeigen lassen kann, scheint für manche Verfechter optimierten Leseverhaltens ein friedliches Nebeneinander von Buch und E-Book nicht möglich zu sein. Sie schauen auf ihre bestenfalls bemitleidenswerten bibliophilen Mitmenschen ähnlich herab vie Gesundheitsapostel auf Raucher, die auch wider bessere Erkenntnis von ihrem törichten Laster nicht lassen wollen.

Diese nichtigen Zeilen sollen nun gewiss nicht den Anspruch erheben, ein substantieller Beitrag in dieser Querelle des Anciens et des Modernes zu sein. Anlass zu diesen Betrachtungen ist – neben dem großartigen erwähnten Vortrag von Wibke Ladwig – ein ganz bestimmtes Buch. Es ist nicht ein sonderlich gutes Buch, vermutlich ist es sogar entsetzlich. Es ist gross, es ist schwer, und läge es nicht in der Wohnung auf, die ich während meines Aufenthalts in Berlin gemietet hatte: Ich hätte es wohl nie zu Gesicht bekommen. Wie gesagt: Es ist gross und schwer, dazu noch recht aufwendig hergestellt, reich bebildert, die Texte sind in Deutsch, Russisch, Französisch und Englisch gehalten und ziemlich schwer verdaulich. Das Buch trägt den schlichten Titel „DDR“ und wurde daselbst hergestellt, als es den Staat diesen Namens noch gab. Ich will jetzt gar nicht erst auf den Umstand eingehen, dass das Buch „DDR“ den Staat DDR locker überlebt hat. Es geht mir vielmehr darum, dass mit diesem scheusslichen Propagandawälzer ein Stück der Geschichte jener Stadt in meiner Wohnung darauf wartete, von mir fasziniert, ungläubig („Die ganze Macht gehört dem Volk“), amüsiert und entsetzt besichtigt zu werden.

Gut, ich hätte – ausgestattet mit einem Tablet – problemlos in den Tiefen des Web nach ähnlichen Dokumenten suchen können. Bloss: Hätte ich es getan? Ziemlich sicher nicht. Während ich also dieses merkwürdige, feuchtrauhe DDR-Papier befühlte, in die lachenden Gesichter der Familien, Werktätigen und Genossen blickte, überkam mich ein Gedanke: So etwas kann nur ein Buch. Und mag es noch so schlecht sein.

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One Response to Die Sache mit dem Buch

  1. Beat Stocker sagt:

    DDR, da war ich mehrmals Anfang der siebziger Jahre. Einmal sogar mehrere Monate am Stück. Wollte einfach wissen was wahr und nicht wahr ist was unsere damalige Presse schrieb. Jedenfalls malte die westliche Presse den Teufel an die Wand: Dies war mein Fazit.

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