Die Sache mit Wikipedia, oder: Warum es nicht hinhaut.

An der diesjährigen re:publica in Berlin wurde ein Vortrag mit dem vielversprechenden Titel „Wikipedia: wo User geblockt, Artikel gelöscht und Reputationen zerstört werden“ gehalten. Vielversprechend deshalb, weil mich der Titel an den Fall der „American Female Novel Writers“ erinnerte, der unlängst durch die US-Autorin Amanda Filipacchi in der New York Times thematisiert wurde:

I JUST noticed something strange on Wikipedia. It appears that gradually, over time, editors have begun the process of moving women, one by one, alphabetically, from the “American Novelists” category to the “American Women Novelists” subcategory. So far, female authors whose last names begin with A or B have been most affected, although many others have, too. (Ganzer Artikel).

Interessant dabei ist übrigens nicht nur der von Filipacchi monierte Sexismus dieser editorischen Glanzleistung, sondern das Nachspiel, das die Kolumne in Bezug auf den Wikipedia-Artikel über die Autorin selbst zeitigen sollte:

Denn sobald ihre Op-Ed-Kolumne auf der Website zu lesen gewesen sei, schreibt Filipacchi, «stürzten sich Wikipedia-Autoren auf meinen eigenen Wikipedia-Eintrag und begannen Änderungen und Streichungen vorzunehmen. Sämtliche Links zu anderen Quellen wie Interviews und Rezensionen wurden gelöscht.» Auch der Link zu dem Op-Ed-Artikel wurde entfernt. Nachdem ein einsichtiger Mensch Erbarmen gezeigt und die entfernten Links wieder eingefügt hatte, wurden diese offenbar sofort wieder ausgemerzt. Selbst die Wikipedia-Seite über das Medienunternehmen der Eltern, Hachette-Filipacchi, hatte jemand «neu ediert». Kurz, die Beschwerdeführerin war Opfer eines Vorgangs geworden, der unter dem Stichwort «revenge editing» zu trauriger Prominenz gelangt ist. (Quelle)

Die Wikipedia ist das wohl wichtigste, jedenfalls aber das meistgenutzte Nachschlagewerk unserer Zeit. Umso mehr sollten solche Episoden uns hellhörig machen. Man mag jetzt einwenden, dass es sich hierbei um bedauerliche Einzelfälle handelt, die in der Regel so nicht vorkommen. Ja, gehen wir davon aus, dass es so ist. Oder auch nicht. Wie schon der grosse Gottfried Wilhelm Leibniz sagte: Weiss man’s?

Jedenfalls stellen sich solche Fragen durchaus, und wenn man bedenkt, dass ein Wikipedia-Artikel auch als Quelle von Zeitungsartikeln fungieren kann, die die Relevanz und Richtigkeit des besagten Artikels eigentlich belegen sollten (vgl. dazu http://de.wikipedia.org/wiki/Karl-Marx-Allee, Abschnitt „Kurioses“), sehen wir, dass der Wikipedia-Kosmos durchaus nicht eine rein virtuelle Sphäre berührt.

Dieser Blogeintrag trägt in ihrer Überschrift die etwas feindselig anmutende Wendung „Warum es nicht hinhaut“. Dieses Gefühl des Nicht-Hinhauens beschlich mich beim oben erwähnten Vortrag an der re:publica. Zunächst sei gesagt, dass das Referat dem verheissungsvollen Titel nicht gerecht wurde, da gewisse problematische Aspekte des Systems Wikipedia durch die Vortragenden bestenfalls gestreift, aber kaum vertieft und schon gar nicht kritisch beleuchtet wurden. Einige der Zuhörenden ergriffen in der anschliessenden Diskussion die Chance, umstrittene Editionspraktiken zur Sprache zu bringen, und die Reaktion der Vortragenden zeigte dann meines Erachtens ziemlich deutlich, warum das System so schlicht nicht nur nicht aufgehen kann, sondern sogar gefährlich ist. Grundtenor der Entgegnungen war jeweils: Die Wikipedia-Autoren und –Admins sind Freiwillige, sie tun das, was sie machen, ehrenhalber, sie geben ihre Freizeit dran, aber eben, es sind doch nur Menschen, und eigentlich sollte man ihnen dankbar sein und nicht zu streng beurteilen, denn es sind ja nun einmal Freiwillige, die es ehrenhalber tun und ihre Freizeit drangeben. Und es gebe ja schliesslich eben nicht eine Redaktion.

Wie aber soll das gehen? Ein riesiges enzyklopädisches Projekt, das keinen geringeren Anspruch hat als den, der Menschheit das Wissen der Menschheit verfügbar zu machen, soll dann, wenn es nicht so hinhaut, doch nur eine Bastelei von enthusiastischen, allzu menschlichen, engagierten Freizeitautoren sein? Mit denen man halt etwas nachsichtiger sein soll, es handle sich ja schlesslich nicht um eine Redaktion?

Blogger zitieren aus Wikipedia (mich eingeschlossen). Journalisten zitieren aus Wikipedia. Studierende zitieren aus Wikipedia. Doktoranden zitieren aus Wikipedia. Wikipedia zitiert dann wiederum aus diesen Medien, Dissertationen und sonstigen Büchern. Was wiederum als Grundlage für weitere Blogs, Medienberichte und wissenschaftliche Arbeiten dient (xy-plag kann nicht überall sein). Und da soll die Vorstellung, dass man es nicht so genau nehmen sollte, und überhaupt sei es ein ganz, ganz ganz grossartiges Projekt, nicht beunruhigend sein?

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