Die stolzen Schweizer?

Warum Nationalstolz eine gute Sache sein kann – und wie es kommt, dass gerade die, die ihn am lautesten fordern, die grössten Probleme damit haben.

„Stolz, ein Schweizer zu sein“. Ja, das hat was. Warum auch nicht? Gut, man könnte sagen: Einer bestimmten Nationalität oder einem Staat anzugehören, sei per se noch nicht Anlass zum Stolz. Stolz kann man auf eigene Leistungen sein. Oder auf eine verdiente Auszeichnung. Lassen wir uns von Wikipedia helfen:

Stolz [von mnd..: stolt = prächtig, stattlich] ist das Gefühl einer großen Zufriedenheit mit sich selbst, einer Hochachtung seiner selbst – sei es der eigenen Person, sei es in ihrem Zusammenhang mit einem hoch geachteten bzw. verehrten „Ganzen“.

Der Stolz entspringt der (subjektiven) Gewissheit, etwas Besonderes, Anerkennenswertes oder Zukunftsträchtiges geleistet zu haben oder daran mitzuwirken. Dabei kann der Maßstab, aus dem sich diese Gewissheit ableitet, sowohl innerhalb eines eigenen differenzierten Wertehorizonts herausgebildet als auch gesellschaftlich tradiert sein. Im ersten Fall fühlt man sich selbst bestätigt und in seiner Weltanschauung bestärkt („Ich bin stolz auf mich“), im anderen Fall sonnt man sich in der gesellschaftlichen Anerkennung („Ich bin stolz, etwas für meine Stadt geleistet zu haben“).

Ebenso wie bei Ärger, Furcht, Traurigkeit, Überraschung und Freude handelt es sich beim Stolz um eine elementare Emotion, die angeboren und nicht anerzogen ist. Die Gemütsbewegung wird durch eindeutige, in allen menschlichen Kulturen gleichartige Gesten und Gebärden (aufrechte Körperhaltung, zurückgelegter Kopf, Arme vom Körper gestreckt) ausgedrückt und wird daher universell wiedererkannt.

Der letzte Punkt ist nicht uninteressant: Eine aufrechte Körperhaltung, ein zurückgelegter Kopf … Ja, „erhobenen Hauptes durchs Leben schreiten“. Das ist ein sichtbares Zeichen von Stolz.

Stolz mag nicht immer sympathisch sein, und das Geschwätz von „God’s own country“ und „grande nation“ ist reichlich suspekt. Dennoch ist ein gewisser Nationalstolz – in reflektierter Form, die auch mal Brüche zulässt – nicht verwerflich. Im Gegenteil: Er kann sogar positive Auswirkungen haben. Denn echter Stolz baut auf Stärke auf. Auf Selbstbewsstsein. Auf eine feste Positionierung im gesellschaftlichen Gefüge. Und wer stark ist, hat kein Problem damit, dass es andere auch sein können.

Duck dich, stolzer Schweizer!

Die politische Rechte beklagt gebetsmühlenartig den Mangel an Nationalstolz in diesem Lande. Und beansprucht für sich die Deutungshoheit in dieser Frage. So definiert zum Beispiel die SVP implizit und auch mal explizit nicht nur, was es heisst, stolz zu sein auf die Schweiz, sondern sogar, was es heisst , Schweizer zu sein. Und dass ein „stolzer Schweizer“ gar nicht anders kann, als SVP zu wählen, versteht sich in dieser Optik von selbst.

Leider hat aber der Diskurs, den diese Partei vorgibt, wenig mit Stolz zu tun. Nicht „erhobenen Hauptes“ wird hier durch die Welt geschriteen, sondern in einer lauernden Duckstellung.

Warum duckt man sich? Um sich kleinzumachen? Um nicht aufzufallen? Um keine Angriffsfläche zu bieten? Das zeugt doch alles von einer eklatanten Selbstunsicherheit. Und wie manifestiert sich diese Unsicherheit, wenn wir uns mal von der Körperhaltungsmetaphorik lösen wollen?

Unsichere Menschen neigen dazu, bei den anderen immer auf Fehler und Rückschläge zu lauern. Wer selber nicht viel zustande bringt, hat ein Interesse daran, auf Unzulänglichkeiten der Anderen hinzuweisen, ja sich sogar über sie zu definieren. Es ist so simpel wie verwerflich: Wer sich nicht abheben kann, versucht, die anderen runterzuziehen.

Misstrauen, Missgunst

Sieht man sich ein bisschen auf Twitter um, wird man feststellen, dass ein erklecklicher Teil der Wortmeldung von SVP-Exponenten und -Sympathisanten darin besteht, auf angebliche oder tatsächliche  Misstetaten von Einwanderern jeder Sorte hinzuwiesen. Mal sind es die Asylbewerber aus anderen Kontinenten, mal sind es Menschen aus dem Balkan, mal sind es Deutsche … Das Ganze grenzt schon an einer Obsession. Das Menschenbild, das propagiert wird, ist von einer verblüffenden Negativität. Die anderen sind böse, wir sind schwach und bedroht.

Aufgebrochen wird das Schema gelegentlich dann, wenn man mit offener Schadenfreude auf die wirtschaftlichen Probleme anderer Hinweisen kann. „Seht her, die EU geht vor die Hunde!“ Als ob die Tatsache, dass das Projekt Europa mit einer schweren Krise kämpft, die Schweiz in irgendeiner Form aufwerten würde.

Hat man es als stolzer Schweizer wirklich nötig, sich über die Probleme der Anderen zu freuen? Ist man als stolzer Schweizer wirklich derart in seiner Identität bedroht, wenn sich Menschen aus anderen Ländern bei uns niederlassen? Droht den stolzen Schweizern wirklich wegen einer Handvoll Asylbewerber der Untergang?

Warum bloss fällt es diesen Menschen so schwer, auf ihr Land stolz zu sein? Warum sind sie bloss so ängstlich?

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One Response to Die stolzen Schweizer?

  1. @toaschti sagt:

    sehr treffend geschrieben. und wäre noch hinzuzufügen: auf was ist der einzelne Schweizer denn eigentlich stolz? dass er/sie das Glück hatte, hier geboren und aufgewachsen zu sein, weil seine Vorfahren vielleicht mal die Idee hatten, sich hier niederzulassen…

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