Durch Print geadelt? Das Experiment «mag20»

Der Journalist Andreas Gossweiler hat kürzlich via Twitter auf einen Blogeintrag von ihm hingewiesen, der sich kritisch mit dem Magazin mag20 auseinandersetzt. Diese Publikation ist gemäss den Angaben des Herausgebers Markus Bucheli ein «Experiment». Jeder und jede darf auch der Website des Magazins Texte veröffentlichen. Diese können dann von Publikum mittels Twitter, Facebook und google+ unterstützt werden. Die jeweils vier am meisten unterstützten Artikel pro Rubrik werden dann in der Printausgabe der Zeitschrift abgedruckt, die jeweils am Freitag erscheint. Das heisst, die 20 Beiträge, die am meisten «gemocht» werden, erscheinen in gedruckter Form.

Der Tweet, den Gossweiler verfasst hat, um auf seinen Blogtext hinzweisen, enthält eine kleine polemische Spitze gegen drei Autoren: Christian Leu, Philippe Wampfler und mich. Der Wortlaut:

Wenn Blogger wie @leumund, @MadMenNa oder @phwampfler plötzlich darum bitten, ihre Texte zu «liken»

Im Blog selber wird Gossweiler noch etwas deutlicher, wenn er schreibt, dass er es als einen Unfug betrachtet, wenn man auf seine Artikel auf mag20 hinweist und um Unterstützung bittet. Seine Begründung:

Sodass man sich fragt, ob die Beiträge gedruckt werden, deren Autoren die meisten Freunde mobilisieren können, oder die Texte, die den Lesern am besten gefallen, so wie das Bucheli vorschwebt.

Die Gefahr besteht vermulich. Andererseits ist es ja nicht verwerflich, sondern gehört zum Konzept dieses neuen Magazins, dass man auf seine Beiträge aufmerksam macht, denn wie soll man Unterstützung finden, wenn man nicht gelesen wird? Man könnte ja auch davon ausgehen, dass die Empfänger solcher Selbstanpreisungen kritisch genug sind, nur solche Artikel zu unterstützen, die man wirklich auch «mag». Ich selber muss gestehen, dass ich auf der Webausgabe des Magazins Artikel gelesen habe, die von Leuten geschrieben wurde, welche von mir als Blogger und Twitterer sehr geschätzt werden, die ich aber trotzdem nicht unbedingt in gedruckter Form lesen möchte.

Und somit ist ein weiterer, in meinen Augen viel interessanterer Aspekt angesprochen, den Gossweiler thematisiert:

Ob 20mag Print und Online versöhnen kann, ist eine interessante Frage. Das Konzept des mag20 leistet vermutlich eher einer regressiven Entwicklung Vorschub: Wer gedruckt wird, hat einen Prestigegewinn gegenüber den Autoren, deren Werke nur auf der Internetseite sichtbar sind. […] Erleben wir dank mag20 also eher einen Rückfall in die Blütezeit der Printmedien als die Versöhnung mit dem Internet? [Der deutsche Literaturwissenschafter Lothar] Müller fasst zusammen: «Zur Konstellation moderner Autorschaft gehört, dass sie von der Druckerpresse beglaubigt wird.» Ganz ähnlich funktioniert mag20.

Die Frage steht im Raum, und ich kann sie nicht schlüssig beantworten. Ich kann höchstens mit meiner eigenen Erfahrung aufwarten. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich zu bloggen angefangen. Anfangs mehr eine Spielerei, um meine Schreibmuskeln nicht völlig verkümmern zu lassen, ist es das im Grunde genommen bis heute so geblieben. Als ich nun einen älteren Blogtext fürs mag20 adaptiert habe, hatte ich beim «absenden» ein leicht mulmiges Gefühl. Ist das wirklich ein Text, den ich einer potentiellen Leserschaft zumuten kann, gesetzt den Fall, dass ich es in die Druckausgabe schaffe? Die Antwort auf diese Frage war weniger interessant als die Frage selber: Wieso sollte ein Text, den ich in meinem Blog absetze, von mir weniger streng beurteilt werden als ein gedruckter Artikel? Ist es denn tatsächlich so, dass der Text dadurch, dass er auf Papier gebracht wird, eine Adelung erfährt, deren er sich erst als würdig zu erweisen hat?

Als ich am Freitag auf dem Weg nach Hause nette Damen beim Berner Bahnhof sah, die die neuste Ausgabe von mag20 verteilten, und erst recht, als ich hinter einem jungen Mann lief, dem diese Ausgabe aus der Gesässtasche seiner Baggypants ragte, hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass die Verantwortung grösser ist, wenn meine Worte gedruckt werden.

Es gäbe wohl noch viel zu diesem Thema zu schreiben, aber da ich bereits mit der Kritik konfrontiert wurde, dass meine Texte zu lang sind, belasse ich es bei diesen Gedanken, zu denen mich Andreas Gossweiler und mag20 veranlasst haben. Die Diskussion ist noch nicht zu Ende.

Share Button
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Uncategorized. Fügen Sie den permalink zu Ihren Favoriten hinzu.

2 Responses to Durch Print geadelt? Das Experiment «mag20»

  1. Ich empfinde es schon so, dass die Verantwortung grösser ist, wenn ein Artikel gedruckt wird. Dabei geht es nicht nur um die Verantwortung der Leserschaft gegenüber, sondern mir selbst. Was gedruckt ist, ist gewissermassen in Stein gemeisselt. Zu dem, was gedruckt ist, will ich auch in zehn oder 20 Jahren noch stehen. Was ich online veröffentliche, kann ich nachträglich ändern, updaten oder sogar löschen.
    Print verlangt mehr Qualität, weil es kein nachträgliches Ändern gibt.

  2. Ich kaufe mir schon lange keine Zeitungen mehr.
    Papier nimmt alles an, sagte man früher gerne.
    Gedruckt wurde zum Beispiel ja auch
    „Simply stated, there is no doubt that Saddam Hussein now has weapons of mass destruction.“
    Dick Cheney August 26, 2002
    http://georgewbush-whitehouse.archives.gov/news/releases/2002/08/20020826.html
    Zeitungen landen übrigens gerne als Notreserve auf dem stillen Örtchen – und es wäre zeckmässiger, wenn es sich dann nicht um Stein handelt, in den die ach so wichtigen Worte gemeisselt sind.
    „15 minutes of fame“ sind wohl regelmässig das Maximum der Aufmerksamkeit, die auch für einen sensationellen Beitrag aufgewendet werden.
    Das Web ist anders. Suchmaschinen sind gnadenlos. Unzählige Teraflops und Terabytes werden aufgewendet, um jede auch noch so profane Äusserung zu indexieren und verknüpfen. Sogar alte Versionen werden in Caches abgelegt. Das Web vergisst nie. Und verzeiht nicht.
    Ein falscher Fehler, ein unbedachter Tweet, und man feiert sich in der Zeitung mit den eigenen „15 minutes of fame“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *