Warum Verkehrsregeln für Velofahrer nicht gelten (sollten)

Darauf angesprochen, dass die Strassenverkehrsregeln auch für sie gelten, antworten Velofahrer (bei –innen passiert das meiner Erfahrung nach seltener) sinngemäss: Da sie die Luft nicht verpesten, haben sie ein Anrecht darauf, dass man ihnen etwas mehr Freiheit einräumt. Wer sich ökologisch vorbildlich verhält, darf auch gern das Rotlicht überfahren oder mit dem Rad das Trottoir benutzen.

Man mag sich über diese auf den ersten Blick anmassend scheinende Argumentation ärgern oder auch nicht: Sie hat etwas für sich. Nur wird sie leider nicht konsequent genug gedacht.

Ökologisches Verhalten belohnen

So sollte sicher auch unterschieden werden, ob die Person auf dem Fahrrad einen Autofahrausweis besitzt oder nicht, und, falls ja: Ob sie ein Auto benutzt, und falls ja: Wie oft und wie lange. Falls die Person keinen Fahrausweise besitzt (doch, doch, das soll es sogar bei Erwachsenen noch geben), stellt sich zudem die Frage, ob sie nicht trotzdem ab und zu auf dieses umweltzerstörerische Fahrzeug zurückgreift (Freund als Chaffeur aufbieten für Warentransporte zum Beispiel) oder ganz und gar verzichtet. Aufgrund dessen könnte man dann eine Art Kompensationstabelle zeichnen. Je moralisch höherwertig das Verhalten der Person ist, umso mehr Verkehrsregeln darf sie missachten.

Auch das wäre indessen zu wenig konsequent gedacht, denn was nützt der oberökologische Stadtradler ohne Fahrausweis der Umwelt (bzw. dem Klima, wie es heute heisst), wenn er drei- bis viermal jährlich ins Flugzeug steigt, um ferne Länder zu besuchen? Da müsste doch der Flugabstinenzler doch noch ein bisschen stärker belohnt werden. Die Kompensationstabelle wäre entsprechend anzupassen. Da sich heutzutage der ökologische Fussabdruck relativ einfach errechnen lässt, wäre die Aufgabe wohl lösbar.

 

Nicht nur Verkehrsregeln differenziert anwenden

Weil aber der Zusammenhang zwischen ökologischem Verhalten und Verkehrsregeln nicht zwingend gegeben ist, wäre eine weitere Ausweitung erforderlich. Nicht nur sollte weitere Aspekte ethischen Handelns berücksichtigt werden (Unterstützung von Hilfsorganisationen, gelebte Emanzipation, freiwillige Jugendarbeit, um nur ein paar Beispiele zu nennen). Auch dürften auf der anderen Seite der Kompensationstabelle streng genommen nicht nur die Verkehrsregeln stehen, sondern das gesamte Spektrum der gesetzlichen Pflichten und Einschränkungen.

Ladendiebstahl? Bis zu einem Warenwert von CHF 500.– straffrei, wenn der Täter fahrausweislos ist, nie das Flugzeug nimmt, an Beat Richner spendet und sich als Mann hälftig an den Hausarbeiten beteiligt. Ist er gleichzeitig noch Pfadileiter, darf er jährlich maximal drei Urkunden fälschen. Kauft er zudem nur Fairtrade-Produkte, gibt’s eine schwere Körperverletzung umsonst, und verzichtet er obendrein auf Fleischkonsum, winkt eine straflose Bigamie.

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