Die Sache mit dem Kran und der Kunst

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Kurz zur Einführung für Leute, die mit der Sache noch weniger vertraut sind als ich: Die Stadt Zürich hat im Rahmen eines Kunstprojekts einen ausrangierten Hafenkran aus Rostock geholt und irgendwo aufgestellt. Der Hafenkran erfüllt in Zürich keine der ihm ursprünglich zugedachten Funktionen. Er steht im Wesentlichen da. So wie der Eiffelturm in Paris (der inzwischen allerdings einige durchaus praktische Funktionen erfüllt), allerdings auch irgendwie anders. Nun, wie dem auch sei: Das Ganze ist als Kunst gedacht und somit natürlich auch nichts anderes. Es gibt ja glücklicherweise keine verbindliche Definition von Kunst.

Der Haken an dem Kran (pardon): Nicht alle sehen darin ein Kunstwerk. Und da die ganze Angelegenheit natürlich auch ein bisschen Kosten verursacht hat, regt sich da und dort Widerstand gegen die Installation. Unter den politischen Kräften sind es meines Wissens vor allem diejenigen, die rechts von der Mitte anzusiedeln sind, die die temporäre Beschaffung des Krans bekämpften und jetzt kritisieren.

Manche Befürworter des Krans sahen in diesen Widerständen eine Bestätigung dafür, dass das Kunstwerk tatsächlich ein solches ist, denn es tue genau das, was Kunst tun soll: Es polarisiere, rege zum Nachdenken, zur Diskussion an, entlarve die Bünzligkeit (= das Spießertum) der Zwingli-Stadt. Im Subtext lese ich auch: Er zieht eine klare Linie zwischen Kunstbanausen (= die den Kran „naja“ bis doof finden) und  … nun, Kunst-Nichtbanausen (die den Kran bzw. seinen Aufenthalt in Zürich gut finden).

Das heisst eigentlich: Wer dem Kran nichts abgewinnen kann, versteht nichts von Kunst, denn die Kunst im Kran besteht gerade darin, Leute, die nichts von Kunst verstehen, zu entlarven.

Es mag gute Gründe geben, den Kran zu schätzen. Ich selber habe ihn noch nicht gesehen, bin überzeugt, dass er keine schlechte Falle macht und finde, man soll ihn ruhig auch dort lassen.

Die Begründung aber, der künstlerische Wert des Krans liege darin, die Diskussion über Kunst im öffentlichen Raum anzuschubsen und die spießigen rechten Kunstbanausen als solche zu entlarven, entlarvt eigentlich vielmehr die, die sich so äussern. Wenn jemand einem Kunstwerk eine so eindeutige Funktion zuordnen kann, so spricht das entweder gegen den künstlerischen Gehalts des Kunstwerks.  Denn wahre Kunst erhebt sich über einfache Zuschreibungen. Oder aber gegen den Kunstverstand der Person, die sich so äussert. „Das ist Kunst, weil  …“ ist nämlich meiner Meinung nach ein noch viel stärkerer Indikator für Banausentum als „das ist keine Kunst, weil  …“.

Jetzt freue ich mich darauf, dereinst den Kran zu sehen (ich hoffe, ich komme noch dazu). Dann werde ich hoffentlich auch sagen können, ob er für mich Kunst ist oder nicht. Falls ja, kann ich jetzt schon sagen: Ich werde es nicht begründen können.

(Bild: Jürg Wyss)

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