Die Sache mit der schönen Leonie

In einem Blogtext spekuliert ein Schweizer Online-Autor über das Innenleben von Selbstmördern und hält die, die ihrem Leben ein Ende setzen, indem sie sich vor einen Zug stürzen, für „krasse Egoisten“. Eine Replik.

Mitunter kommt es vor, dass ein Text mich völlig ratlos zurücklässt. Der Blogtext „Der egoistische Suizid“ ist ein solcher Text. Darin thematisiert der Autor die so genannten „Personenunfälle“, die leider allzu häufig den Zugverkehr stören. Bei einem Personenunfall wird eine Person von einem Zug überfahren. Manchmal handelt es sich tatsächlich um einen Unfall, manchmal um einen Suizid. Das geht aus den Meldungen nicht hervor, und das ist gut so. Man soll bei der Thematisierung von Suiziden durch die Medien sehr zurückhaltend sein, weil die Berichterstattung Nachahmer animieren könnte. Der Autor erwähnten Blogs unterlässt es denn auch nicht, auf diesen Umstand aufmerksam zu machen.

Hier stellt sich für mich freilich schon die erste Frage: Warum greift er dieses Thema im gut besuchten Blog auf? Dafür muss es triftige Gründe geben, denn schliesslich gibt es ihm zu denken, wenn derartige Suizide zu Nachahmungstaten führen. So zumindest äussert er sich im Lauf der Diskussion über seinen Blogtext auf Twitter:

Kurze Meldung: Heute Abend schon wieder Suizid auf der Strecke. Gibt euch das nicht zu denken? #nachahmer

Was also bewegt ihn dazu, seinen Blogtext zu schreiben? Wir wissen es nicht. Und es erschliesst sich auch nach mehrmaliger Lektüre nicht. Er schreibt zwar durchaus auch richtige Dinge:

 Wenn man etwas genauer hinschaut, triffts nicht nur den Selbstmörder, es gibt da zum Beispiel noch die Familie. Und eben den Lokführer. Vielleicht ein Familienvater, der dann wochen- oder monatelang nicht mehr schlafen kann, Psychopharmaka nehmen muss und unter einem Trauma leidet. Bei den Zeugen einer solchen Tat dasselbe.

Dem ist nichts entgegenzuhalten. Bloss: Tut das jemand? Ich habe schon unzählige Diskussionen zu dem Thema erlebt. Praktisch jedes Mal, wenn eine Arbeitskollegin oder ein Arbeitskollege wegen eines solchen Personenunfalls erhebliche Verspätungen erdulden muss, wird das in der Kaffeepause thematisiert. Der Grundtenor ist einhellig: Das muss für den Lokführer und die Rettungskräfte so wie allfällige weitere Zeugen der blanke Horror sein. Das Mitgefühl ist praktisch immer auf deren Seite. Und das ist auch richtig so.

Warum aber tut der Autor des Blogtextes so, als würde er einen gänzlich neuen, bislang unbeachteten Aspekt in die Diskussion einführen? So dass das Verfassen besagten Blogtextes gleichsam zwingend ist? Zumal er sich selber dagegen ausspricht, solchen Vorkommnissen zu viel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen?

Ich weiss es nicht. Ich frage ihn via Twitter – nicht, um ihn anzugreifen, sondern weil ich es wirklich wissen will. Und ich erhalte von ihm auch eine Antwort:

Ganz einfach: Eine kleine Botschaft an Leute, die sich das Leben nehmen wollen.

Und plötzlich muss ich an Leonie* denken. Eine ehemalige Mitstudentin von mir. Eine aussergewöhnliche Erscheinung. Sehr attraktiv, sehr klug, sehr liebenswürdig. Nach dem Studium verliere ich sie aus den Augen. Nur einmal, etwa ein Jahr nach dem Abschluss, sehe ich sie wieder, zufällig. Sie ist inzwischen glücklich liiert, voller Zukunftspläne, sowohl im Privaten wie auch im Beruflichen. Das Nächste, was ich über sie erfahre – es sind inzwischen 10 Jahre vergangen: Die schöne Leonie brachte zwei Kinder zur Welt. Nach der zweiten Entbindung fiel sie in eine postnatale (bzw. korrekt: postpartale) Depression. Sie suchte Hilfe. Sie war in der Klinik. Es schien ihr besser zu gehen. Sie warf sich vor einen fahrenden Zug.

Es ist nichts Romantisches am Tod von Leonie. Nichts Schönes. Sie hat sich zerstört. Sie hat zwei Kleinkinder hinterlassen. Die Welt lag ihr vor Füssen, sie hätte ihrem Wesen nach viel erreichen können. Sie konnte es nicht.

Was schreibt der Autor des Blogtextes?

Wer sich vor einen Zug wirft, sucht nicht nur den Tod. Er versucht der Gesellschaft zuzuschreien: «Das habt ihr nun davon». Es ist eine Art Amoklauf, bei dem oberflächlich gesehen nur der Täter verletzt wird. Und solche Amokläufe gieren nach Aufmerksamkeit, selbst im Tod. Darum gibts auch die Nachahmer.

Ich kannte Leonie. Sie war ein ausgesprochen zurückhaltender Mensch. Sie war nicht verschlossen, nicht im geringsten. Aber sie war kein Mensch, der die Aufmerksamkeit der anderen suchte. (Das hätte sie schon darum nicht tun müssen, weil sie ungewöhnlich attraktiv war, was ihr durchaus bewusst war. Sie gab nichts auf diese Tatsache. Aber die Aufmerksamkeit war ihr sicher). Sie war stets sehr rational, sehr tüchtig, gesellig. Niemand hätte je gedacht, dass sie dereinst ein solches Schicksal ereilen sollte.

Leonie hat – nach den Massstäben der Mehrheit von uns – eine unglaublich egoistische Tat verübt. Sie hat ihr Leben auf grausame Art zerstört, sie hat vielen Menschen – nicht zuletzt ihren Kinder – Schreckliches zugemutet, Dinge, die wohl nie wieder zurechtgerückt werden können.

War sie deswegen eine Amokläuferin? Gierte sie mit ihrer Tat nach Aufmerksamkeit? Wollte sie der Welt, ihrem Partner, ihren Kindern, Freunden, Verwandten, dem Lokführer, den Zeugen, den Rettungskräften, mir und allen, die sie gekannt und gemocht hatten, mit ihrer Tat eins auswischen?

Oder war sie nicht vielmehr in eine Sphäre gelangt, der all diese Dinge bedeutungslos erscheinen liess? In der so etwas wie rationales Abwägen gar nicht mehr existiert? In der es nur noch darum geht, es loszuwerden, sofort, endgültig, es zu zerstören, dass nichts mehr davon übrigbleibt: Dieses unerträgliche Leiden?

Hätte sie ihre Tat unterlassen oder eine andere Methode gewählt, hätte sie nur die Gelegenheit gehabt, den Text „Der egoistische Suizid“ gelesen, diese „kleine Botschaft an Leute, die sich das Leben nehmen wollen“?

Als ich gestern den Blogtext las, war ich zuerst wütend. Nach einer Weile aber nur noch traurig. Traurig darüber, dass sich manche Leute – beileibe nicht nur der Autor des Textes – anmassen, den Stab über solche Menschen zu brechen.

Ja, mein Mitgefühl gehört den Lokführern, den Rettungskräften, den Angehörigen, den Zeugen. Aber wer bin ich, um zu behaupten, dass ich weiss, was den Selbstmörder oder die Selbstmörderin dazu getrieben hat, sich so zu verhalten? Wer bin ich, um über sie zu richten?

Im Blogtext steht:

Nun kam die Diskussion auf, wem das Mitgefühl gehört.

Nein, Réda, diese Diskussion kam nicht auf. Du hast versucht, diese Diskussion, die es gar nicht gibt, in deinem Blog zur Entscheidung zu bringen.

Und ich frage mich immer noch: Wozu?

* Name natürlich geändert.

 

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19 Responses to Die Sache mit der schönen Leonie

  1. Sandra sagt:

    Mit jedem neuen Beitrag, jedem neuen Blog erhöht sich die Aufmerksamkeit – also auch mit dem, welcher das Schreiben anderer hinterfragt wegen der Aufmerksamkeit, die es anzieht.

    Die Frage, ob diese Aufmerksamkeit nun gut oder schlecht ist, möchte ich gar nicht abschliessend beantworten, da ich es nicht kann. Einerseits denke ich, wird man keinen, der sich umbringen will, davon abbringen, es zu tun, und es wird sich auch keiner umbringen, nur weil er liest, dass ein anderer das tat. Dass man sich vor einen Zug werfen kann, weiss man wohl auch ohne die Nachricht, dass ein anderer es gerade getan hat.

    Ob Selbstmord vor dem Zug Egoismus ist, kann ich nicht beurteilen. Rücksichtslos (hier neutral gebraucht) ist es sicher, ob man es hätte anders machen können, weiss ich nicht. Ich denke, wie im Leben ist auch im Sterben jeder anders. Man kann das Thema totreden, DIE einzige Wahrheit wird man nicht finden, nur ganz viele Meinungen, die man sich dann gegenseitig an den Kopf werfen kann. Geholfen ist damit wohl niemandem. Schliesslich und endlich hält das Leben für uns alle verschiedene Dinge bereit. Einige würden wir lieber nicht haben, andere erfreuen uns. Wählen können wir nicht, wir können nur lernen, mit allem umzugehen. Immer wieder von neuem.

    Ab und an kommen Menschen zum Schluss, dass sie nicht mit dem umgehen können oder wollen, was das Leben ihnen bietet und sie suchen einen Ausweg. In meinen Augen ist das ihr gutes Recht. Ich weiss, dass ich mich mit der Meinung in die Nesseln setze. Auch ich denke, wir haben Verantwortung anderen Menschen gegenüber. Vor allem unseren Kindern sind wir verpflichtet, zumindest so lange, bis wir denken, dass sie es ohne uns schaffen können. Danach ist jeder für sich selber verantwortlich. Ein Recht auf mein Leben muss in meinen Augen auch das Recht beinhalten, dieses zu beenden.

    Von jemandem zu fordern, dass er weiter leben müsse, weil ich das gerne hätte, er mir fehlen würde, wäre Egoismus von mir, da ich sein Leben nicht lebe in der Folge. Ich kämpfe seine inneren und äusseren Kämpfe nicht, ich ertrage seine schwierigen Seiten nicht. Das muss er selber tun. Wenn er das nicht will (oder zu können glaubt), bleibt wohl nur der Schritt aus diesem Leben hinaus. Und das sollte erlaubt und akzeptiert sein.

    • Daniel Menna sagt:

      Ich habe tatsächlich lange mit mir gerungen, ob ich den Text schreiben soll. Ich habe es schliesslich getan, weil ich finde, in Réda Text stehen Dinge drin, die ich einfach nicht unwidersprochen lassen kann. Aber vielleicht war es tatsächlich ein Fehler. Ich weiss es nicht.
      Ich bin aber überzeugt: Weder Rédas Text noch meiner wird je einen Lebensmüden dazu bringen, seinem Leben ein Ende zu setzen, oder es eben sein zu lassen.

      • Urs sagt:

        Für einen Werther-Effekt bräuchte es wohl auch eine starke Reichweite gekoppelt mit einer beschreibenden Art der Gründe und der Art des Suizid.

      • Sandra sagt:

        Das sehe ich gleich. Ich fand die Antwort gut und wichtig. Ich habe zuerst selber einen Artikel zu dem Thema schreiben wollen, es aber gelassen und statt dessen alles bei dir als Kommentar reingetippt. Drum wurde es ein wenig lang – Sorry dafür.

  2. Gino Brenni sagt:

    Pflichte dir teilweise bei – auch wenn es schwer vorstellbar ist, was in einem Kopf von Selbstmördern vorgeht. Für mich gibt es keine Lebenssituation, die schlimm genug ist, alles hinzuwerfen. Das ist aus meiner Sicht sehr häufig eine Kurzschlussreaktion auf angesammelte negative Erlebnisse, die nicht verarbeitet wurden.
    Und da fängt es für mich an, der ich selbst in jungen Jahren depressiv war und Selbstmordgedanken hatte: Dem untröstlichen Leid, der Pein, Angst, und den Minderwertigkeits- und Hilflosigkeitsgefühlen Raum und Worte zu geben. Es fällt mir, der viel davon durchgemacht hat, schwer, zu glauben dass man seine Scham, Sprachlosigkeit o.ä. nicht überwinden kann um sich Hilfe zu holen. Dabei ist es für mich ziemlich zweitrangig, ob von meinem Tod noch eigene Kinder, Zugführer, Autofahrer oder Schaulustige betroffen sind. Freitod dreht sich um einen selbst. Das ist etwas, das man mit sich ausgemacht hat – jedoch nicht zu Ende gedacht hat.
    Nennt mich naiv, bösartig oder einen Moralisten – für mich ist der Selbstmord keine Lösung für gar nichts. Eher _glaube_ ich daran, dass man noch einmal auf diese Welt kommt und ähnliche Erlebnisse noch einmal macht… Glaubenssache. Wir sind hier, um zu wachsen. Nichts, was wir erleben ist zu schlimm, um es nicht bewältigen zu können. Das ist mein fester Glaube. Sonst müsste ich mein Leben verneinen und mit ihm diese ganze, gottverlassene, kranke Konsumgsellschaft.

    Lukas Bärfuss‘ neues Buch „Koala“ behandelt das Thema und ist sehr lesenswert.

    Die Ansicht über Suizid hängt für mich stark von der eigenen Glaubensvorstellungen ab. Wer denkt, nach dem Tod kommt nichts mehr, kann sich eher damit trösten, dass das Leid dann vorbei ist. Ich glaube, wie gesagt nicht daran: Irgendetwas wird nach dem Tod kommen. Wer sich das Leben nimmt, verweigert sich seinen zu machenden Erfahrungen.

    So, und jetzt könnt ihr mich in der Luft zerreissen.

    • Daniel Menna sagt:

      Ich habe ganz gewiss nicht die Absicht, dich in der Luft zu zerreissen. Ich gebe einfach zu bedenken, dass die Selbsttötung sehr oft nicht ein rationaler Akt ist (im Sinne von: „Das ist die Lösung“), sondern im Gefüge einer mentalen Erkrankung zu sehen ist, die ihrer eigenen Logik folgt.

      • Gino Brenni sagt:

        Da bin ich froh 😉
        Suizid folgt im seltensten Fall rationale Überlegungen, klar. Denn sonst müsste man auch dies bedenken: Alles Leid, jede schier unerträgliche Situation geht irgendwann vorbei oder schwächt sich ab (im Sinne von „Zeit heilt alle Wunden“). Ausgenommen sind unheilbare, schlimme Erkrankungen. Auch da hat man aber festgestellt, dass sich Betroffene vom Schicksalsschlag erholen und damit umgehen lernen. Man kann es drehen und wenden, wie man will – das Leben ist schützenswert! Leute die sich umbringen, verkennen den Wert ihres eigenen Lebens.

        • Urs sagt:

          Das trifft vielleicht auf einen grossen Teil der im normalen Leben stehenden Personen zu, Gino.
          Aber es gibt eben auch die anderen Fälle von Leuten an ihrem Lebensende, welche sich (chronische, starke) Schmerzen, Einsamkeit und andere Einschränkungen nicht antun wollen.

          • Gino Brenni sagt:

            ja sicher, aber dreht sich der Text um die? Würde ist das eine – auch der Tod muss würdevoll sein, gerade im Alter. Hier gings aber nicht um Exit oder Dignitas „Patienten“, oder?

    • Nicole sagt:

      „Sonst müsste ich mein Leben verneinen und mit ihm diese ganze, gottverlassene, kranke Konsumgsellschaft.“ Da liegt meiner Meinung nach u. a. die Wurzel des Problems. Vielleicht sollte man sich einmal mit eben jener auseinandersetzen, statt das Augenmerk einzig und alleine auf die Symptome zu richten, um im Nachhinein mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Damit hat es sich der Autor des ursprünglichen Beitrags sehr einfach gemacht. Ich finde Ihren ehrlichen Beitrag sehr mutig.

      @Daniel: Danke für diesen Beitrag. Schön zu sehen, dass sich jemand auch mit der tieferen Substanz dieses Themas auseinandersetzt, statt nur der flachen Mainstreammeinung einen kritischen Anstrich zu verpassen….(in my humble opinion).

      • Daniel Menna sagt:

        Herzlichen Dank, Nicole. Ich bin froh, den Beitrag verfasst zu haben, weil ich merke, dass es offenbar auch andere ähnlich sehen wie ich.

    • Sandra sagt:

      Klar verweigert man sich seinen zu machenden Erfahrungen. Ich denke aber, das wäre mein gutes Recht, sollte ich es denn wollen. Wenn ich die Erfahrung nicht machen will, weil all die Erfahrungen, die ich machte, mir gereicht haben – was also sollte mich hindern, keine weiteren mehr machen zu wollen? Wer hätte das Recht? Mit welcher Begründung?

      Ich sage, Kinder haben das Recht, dass Eltern ihre Verantwortung wahrnehmen und sie auf ihren Weg bringen. Wenn das vollbracht ist, sehe ich keine Verantwortung im Leben mehr, die es aufrecht zu erhalten hiesse. Wenn mein Leben für mich dann keinen Sinn mehr ergäbe – wozu es weiter leben? Und ich denke nicht, dass man diesen Entscheid leichtfertig fällen würde. Der Leidensdruck für so einen Entscheid ist meist sehr gross. Irgendwann ist man wohl des Leidens müde…

  3. Marie sagt:

    Danke für diesen Text. Leider ist Rédas Artikel nicht der erste dieser Art, es gab ja einen ziemlich deckungsgleichen in der Weltwoche im März von Markus Schaer. Inklusive Diskussion und Folgerartikel. Generell stört mich der Tenor, der in Schweizer Öffentlichkeit zum Thema Suizid herrscht. Es gibt dazu zwei generelle Meinungen: «Wer sich umbringt, ist ein Egoist» Und: «Jeder sollte das Recht haben, sich umzubringen, wenn er die Welt als unerträglich empfindet».

    Was bei beiden Ansichtsweisen meist komplett unter den Tisch fällt, ist die Tatsache, dass in ca. 90% der Fälle – wie ja auch im obigen Beispiel mit «Leonie» – die Betroffenen an einer psychischen Krankheit (meist Depressionen) litten. Depressionen lassen sich jedoch behandeln. Das Problem dabei ist, dass es meist eine längerdauernde Angelegenheit ist, bis die Symptome (u.a. Suizidwünsche) verschwinden. Es wäre sehr wichtig, darüber zu sprechen, dass Depressionen eine (behandelbare) Krankheit sind und die negativen Gedanken durch diese Erkrankung verursacht werden.

    Akut Betroffenen hilft es weder, wenn man sie «Egoisten» schimpft, noch wenn man ihnen vermittelt: «Na dann bring dich halt um, wenn es so schlimm ist». Wichtig wäre vielmehr Aufklärung über die Krankheit und dass sie behandelbar ist. Was akut Betroffene allerdings nur sehr schwer glauben können, weil Depressionen das Denken und Fühlen beeinflussen und jegliche Hoffnung zum Verschwinden bringen. Darum ist ein Umfeld, das diese Hoffung («Es wird irgendwann wieder besser – Auch wenn du das aufgrund deiner Krankheit jetzt weder glauben noch fühlen kannst») vermittelt, unheimlich wichtig.

    • Daniel Menna sagt:

      Danke für diese Ergänzung, ich stimme absolut zu. Leider war es bei Leonie – wie beschreiben – so, dass sie Hilfe geholt hat, und dass es sogar den Anschein machte, als würde sie das in den Griff kriegen. Naja, „Hilfe suchen“ ist ein erster, entscheidender Schritt auf einem langen Weg. Der leider nicht immer zu Ende beschritten wird.

    • Sandra sagt:

      Es geht sicher nicht darum, zu sagen „Bring dich um, wenn es zu schwer ist“. Depression mag heilbar sein, ist es aber nicht in jedem Fall. Dazu kommt, dass nicht jeder Selbstmord einer Depression geschuldet ist.

      So lange jemand mündig ist und seine Entscheidungsfähigkeit hat, sollte er bestimmen können, wie sein Leben zu leben sei (oder eben nicht). Dass dies ein juristisches Kriterium ist, liegt leider in der Natur der Sache in einem Staat, doch so oder so: Irgend eine Grösse, die als Massstab gilt, muss man haben. Das klingt alles fürchterlich rational und pragmatisch. Ich habe aber leider mehr persönliche Erfahrung mit dem Thema als ich haben möchte, sonst würde es mich wohl nicht so umtreiben.

  4. Ich spiel jetzt mal Spielverderber. Mein Expartner war 25 Jahre Krankenpfleger. Er einige, die einen Selbstmordversuch überlebten, gepflegt. Er hat mir gesagt:“Was in dem Moment in einem Menschen vorgeht bzw was in seinem Gehirn passiert, kann man sich nicht vorstellen. Es muss sowas wie ein Kurzschluss der Synapsen sein. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da sprangen Leute, die sicher gehen wollten von Autobahnbrücken, von Hochhäussern oder fuhren einfach mit dem Auto gegen einen Baum. Es dreht sich in dem Moment wirklich alles nur noch um sich selber (warum auch immer) genauer um das „sich töten“ Da bleibt kein Raum, um noch an andere oder Schäden an anderen zu denken. Da wird auch der Tod anderer in Kauf genommen. Man ist wohl in einem Zustand, wo man sowohl seine Frau und seine Kinder ebenso umbringen kann, wie sich selbst. (kommt ja auch vor, auch wenn ich die Bezeichnung erweiterter Suizid falsch finde) Selbstmordattentäter sind auch schon vorher Suizidgefährdet. Es gibt wohl den geplanten Exit, aber auch den spontanen Selbstmord. Bei letzterem wird man zum Täter. Zum Täter nicht nur an sich selbst, sondern potentiell auch an anderen. Menschen in solchen Situationen erkennen und dafür sorgen, dass ihnen geholfen wird, hängt von vielen Faktoren ab und wird immer unzuverlässig sein.
    Wer sicher gehen will, der wählt auch einen sicheren Weg. Ob von einem Felsen oder Hochaus in die Tiefe stürzen oder sich vor einen fahrenden Zug werfen, hat wohl damit zu tun, was an Möglichkeiten vorhanden ist und was zumindest bei jungen Leuten als sichere Methode bekannt ist.
    Nicht jeder hat eine Waffe zu Hause oder kommt an einen tödlichen Medikamentencocktail.
    Womit wir uns abfinden müssen ist, dass Opfer nun mal auch Täter sind, weder wertend, noch zu verdammend, aber einfach zu akzeptieren. Der Tod ist weder romantisch noch schön, sondern einfach das Ende des Lebens. Und wir wollen nicht mit ihm konfrontiert werden und wenn, dann muss eine plausible Erklärung her.
    Der selbst gewählte Freitod wirft uns immer auf uns selber zurück. Zerstört Vorstellungen und entzieht sich unserer Kontrolle. Es ist soviel einfacher nur arme Opfer zu sehen, statt auch, das was auch sie sind Täter. Täter, die uns mit ihren Taten vor Augen führen, dass wir versagt hat. Das werden wir immer wieder aushalten müssen. Egal, wie darüber berichtet wird, oder gerade weil dafür berichtet wird.

  5. Pingback: Depression, Suizid und Präventation | das Leben mit Borderline

  6. Tina sagt:

    Ich danke dir für diesen Beitrag. Ich bin schon oft auf diese Diskussionen gestoßen und werde oft wütend dabei. Ich finde es sehr eindimensional, den Täter zu verurteilen. Ich wünsche, die Menschen würden aufhören, in schwarz oder weiß zu sehen. Da ist Leiden, sehr viel. Zuerst auf Seiten des Suizidtäters, danach auf Seiten der Zurückgebliebenen. Das ist schlimm, aber deshalb ist nicht die eine Seite voller Schuld und die andere nur Opfer. Es gibt Dinge, die werden nicht besser, wenn man sie verurteilt. Alles hat zwei Seiten und selten bringt man diese zusammen.

  7. _Serapis_ sagt:

    Das größte Problem ist meiner Meinung nach, das Suizid immer noch ein Tabu ist, ein Makel der über den Hinterbliebenen schwebt, ein Stigma was an demjenigen klebt, wenn ein Versuch missglückte. Mir geht es nicht darum wie der Autor, das in seinem Blog beschreibt oder wie hier darüber diskutiert wird. Der- oder diejenige die Suizid begehen will, möchte in der Regel Hilfe zum Leben. Was passiert tatsächlich, wenn sie oder er darüber schreibt oder redet?
    Sie hat auf einmal ein Aufgebot der Polizei vor der Türe stehen, in einem Dorf, ist der Ruf dann vollkommen ruiniert, harmlosestes die „Spinnerin“ oder der Verrückte. Den Einsatz muss sie auch bezahlen, bei Verzweiflung wegen Arbeitslosigkeit, Pfändungen usw sicherlich nicht hilfreich.
    Unser System krankt, an der Schuldfrage. Hilfe muss da viel eher greifen können.
    Vielleicht hat sie oder er auch schon um Hilfe gebeten und wurde auf einen Termin in einem halben oder einem ganzen Jahr vertröstet.
    Im Augenblick ist unser System nur auf Notfälle ausgelegt…. aber ich glaube ich fange an euer Thema zu verfehlen.

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