Die Sache mit Luca

Im Büro der Schulpsychologin Frau Dr. A.T.B.-W. Anwesend sind nebst Frau Dr. B.-W. noch Frau und Herr G. sowie ihr 10-jähriger Sohn Luca.

Dr. B.-W.: Wir müssen über ihren Luca sprechen.

Frau G. (besorgt): Oh, was ist denn? Lassen seine Leistungen nach?

Dr. B.-W.: Nein, im Gegenteil. Luca hat meistens ausgezeichnete Noten, besonders in den sprachlichen Fächer und in NMW. Er ist immer sehr fleissig, ordentlich und ruhig. In der grossen Pause liest er am liebsten in Geschichtsbüchern, und er macht nie Unfug.

Frau G. (sieht Herrn G. freudestrahlend an): Das ist ja wunderbar.

Dr. B.-W.: Ich verstehe nicht ganz. Haben Sie mir denn zugehört?

Herr G: Ja, natürlich. Sie sind sehr zufrieden mit Luca.

Dr. B.-W.: Wie kommen Sie denn auf diese Idee? Es tut mir leid, aber Sie scheinen die Tragweite des Problems nicht zu erfassen.

Frau und Herr G: Was für ein Problem?

Dr. B.-W.: Na eben: Luca ist fleissig, ordentlich, ruhig, macht keinen Unfug und liest gern.

Frau und Herr G. schauen sie fragend an.

Dr. B.-W. (sichtlich bemüht, ruhig zu bleiben): Ihnen ist schon klar, dass diese Verhalten … naja, etwas speziell ist, nicht?

Herr G.: Aber warum denn?

Dr. B.-W.: Nun, um es ganz offen zu sagen: Wir haben die Befürchtung, dass Luca seine männliche Seite auf ungesunde Weise unterdrückt. Ich muss das jetzt leider so direkt fragen: Sind Sie sicher, dass er daheim über ein geeignetes männliches Rollenmodell verfügt? Sind sie viel zu Hause, Herr G.?

Herr G.: Ja, sicher. Meine Frau und ich arbeiten beide Teilzeit, so dass wir möglichst viel Zeit mit Luca und seiner Schwester verbringen können.

Dr. B.-W. (macht eifrig Notizen): Aha, ich verstehe. Allmählich sehe ich, wo das Problem liegen könnte.

Frau G.: Ja, aber von was für einem Problem reden Sie überhaupt?

Dr. B.-W.: Vielleicht liegt es aber auch an Lucas Lehrpersonen.

Frau G.: Aber Luca, du schwärmst doch immer wieder von Frau F. und Frau V.

Luca nickt schüchtern.

Dr. B.-W.: Ja, sehen Sie, da haben wir es. Luca hat nur weibliche Lehrpersonen und kann damit wohl weniger gut umgehen als die anderen Jungs in seiner Klasse.

Frau G. (verliert langsam die Geduld): Aber sagen Sie doch endlich, was mit Luca nicht stimmt.

Dr. B.-W.: Ist das nicht offensichtlich? Ein Junge in seinem Alter verhält sich einfach anders. Er ist unordentlich, aufmüpfig und rauft gern. Raufereien sind wichtig für die Herausbildung seiner männlichen Persönlichkeit. Im Übrigen lesen Jungs nicht, wenn sie nicht müssen. Das ist bei den Erwachsenen nicht anders. Zwei Drittel der Bücher werden von Frauen gekauft. Die Dunkelziffer ist noch viel höher.

Herr G.: Aber Luca ist ein friedliebendes Kind. Er verabscheut körperliche Auseinandersetzungen.

Dr. B.-W.: Und genau das bereitet uns Sorgen. Warum rauft er nicht gern? Warum geht er Pausenplatzschlägereien aus dem Weg? Was ist die Ursache für dieses Defizit?

Frau G.: Das ist doch kein Defizit.

Dr. B.-W. (eindringlich): Ich kann verstehen, dass es für Sie schwierig ist, das zu akzeptieren, aber ihr Junge entwickelt sich in eine ungesunde Richtung.

Herr G.: Weil er sich nicht prügelt?

Dr. B.-W.: Auch. Und weil er gern liest.

Kurze Pause. Herr und Frau G. schauen sich verständnislos an.

Dr. B.-W.: Wissen Sie, in der Pädagogik der letzten Jahre richtete sich der Fokus stark auf die Chancengleichheit der Mädchen. Viele Fehler der vergangenen Jahrzehnte wurden korrigiert, so dass jetzt eine gute Schulbildung auch den Mädchen offensteht. Das ist einerseits sehr gut, andererseits wurden dabei die Bedürfnisse und Anlagen der Jungs vernachlässigt, so dass die Gefahr einer Diskriminierung männlicher Schülerinnen und Schüler besteht. Die Förderung der emotionalen Intelligenz und der Kooperationsfähigkeit ist sehr wichtig, aber sie kann im Extremfall dazu führen, dass Jungs ihre männliche Seite nicht richtig auszuleben wagen. Und so verlieren sie den Anschluss.

Frau G.: Aber sie sagten doch selber, dass Luca fast immer Bestnoten bekommt.

Dr. B.-W. (gerät ins Stocken): Ja, aber darum geht es jetzt nicht.

Herr G.: Worum dann?

Dr. B.-W.: Es geht darum, dass Luca keine Angst mehr haben sollte, seine männliche Seite zu entfalten.

Frau G.: Indem er sich mit Mitschülern prügelt?

Dr. B.-W.: Indem er weiss, dass es ok ist, sich mit den Mitschülern zu prügeln. Und das ein blaues Auge ab und an zur natürlichen Entwicklung eines Jungen gehört.

Luca: Ich will kein blaues Auge. Das tut weh.

Dr. B.-W.: Hast denn du nie Lust, einem Mitschüler eine zu verpassen, wenn er frech zu dir ist?

Luca: Nein, der haut dann zurück.

Dr. B.-W.: Das ist ganz normal unter Jungs. Das muss dir keine Angst machen.

Frau G.: Sie wollen also, dass Luca Schlägereien anfängt, damit er sich normal entwickeln kann?

Dr. B.-W.: Ich will nichts anderes, als dass Luca sich ganzheitlich entfalten kann. Dazu gehört die weibliche wie auch die männliche Seite. Und bei einem Jungen sollte die männliche Seite etwas stärker durchschlagen.

Luca: Ich will mich aber nicht schlagen.

Dr. B.-W.: Natürlich willst du das. Du glaubst bloss, dass deine Lehrpersonen und deine Eltern etwas anderes von dir erwarten. Versuch’s doch einfach mal. Es ist wirklich nicht schlimm.

Luca fängt an zu weinen. Die Eltern wollen ihn trösten.

Dr. B.-W. (hält Herrn G. zurück): Das ist ganz falsch. Die müssen einen Kontrapunkt gegen die weiblichen Einflüsse setzen, Herr G.

Herr G.: Einen Kontrapunkt? Wie soll denn das gehen?

Dr. B.-W.: Sagen sie ihm, dass ein Junge nicht flennt. Sagen Sie ihm, dass ein Junge stark ist. (Zu Luca) Und dich bitte ich, nur noch einmal die Woche in der Pause zu lesen. Vielleicht hilft es ja, und du verlierst ganz die Lust daran. Und dann möchte ich, dass du in den nächsten Wochen mindestens zwei Raufereien anzettelst. Ich will von dir eine blutige Nase oder ein Veilchen sehen, wenn du nächsten Monat wieder zu mir kommst. Wir werden einen richtigen Jungen aus dir machen, wirst sehen.

Luca weint. Die Mutter umarmt ihn. Der Vater blickt hilflos umher.

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7 Responses to Die Sache mit Luca

  1. Und nun sagst du mir bitte noch, dass das alles frei erfunden ist… wobei es mich nicht wundern würde. Leider.

    Meine Erfahrungen mit Schule die letzten 8 Jahre haben mein Bild nachhaltig geprägt und das kaum positiv…

  2. Gerri Häfele sagt:

    Die APA (American Psychiatrist Association) erwägt auf Anregung von Dr. D. Menna MAIDS (Male Influence Defizit Syndrom) als neue psychiatrische Diagnose in die DSM-Klassifikation aufzunehmen.

  3. Fischer sagt:

    Mein Sohn und ich leben alleine,es gibt nur uns zwei und leider sind nur Lehrerinnen mit Ausnahme 1 Werklehrer an seiner Schule. Da es wirklich alles sehr zu gunsten der Mädchen gefördert wird, macht mir das Angst. Die Jungs heutzutage sind halbe Mädchen und von der männlichen Seite ist nicht mehr viel übrig geblieben. Ich hoffe dass mein Sohn doch noch seine männliche Seite entwickelt,frage mich aber wie, wenn es schon in der Schule nicht gefördert wird. Wenn es so weiter geht, denke ich, wird es noch mehr Schwule(nichts gegen die) geben, als Heterojungs.

    • Daniel Menna sagt:

      Vielen Dank für Ihr Feedback. Ich habe indessen starke Zweifel, dass die sexuelle Orientierung durch solche Faktoren geprägt wird.

  4. Johanna sagt:

    Herrlich geschrieben, und leider so schrecklich wahr. Früher wurden die Mädchen gemassregelt, wenn sie nicht prügelten und nicht lasen – heute sind es die Buben. Wann lassen wir die Kinder endlich einfach mal sich selbst sein? Hab das in meinem Buch auch thematisiert, im Kapitel Hänsel und Gretel (https://books.google.ch/books?id=r9LTRg-oewQC&pg=PA5&dq=weiberzeit&hl=de&source=gbs_selected_pages&cad=2#v=onepage&q=weiberzeit&f=false)

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