Wir basteln uns eine Polemik

Ein polemischer Artikel wird immer wieder gern gesehen. Er braucht nicht sonderlich substantiell zu sein, er muss nicht sonderlich elegant sein (allzu elegante Formulierungen drohen nämlich, nicht verstanden oder aber überlesen zu werden), er muss nicht einmal sonderlich zutreffend sein. Ach ja, sonderlich relevant muss er auch nicht sein. Nein. Er muss einfach nur polemisch sein. Oder halt „kontrovers“. Und er sollte natürlich auch möglichst giftig sein. So schafft man Überlegenheit. So versetzt man diejenigen, die sich dagegen aussprechen, in die Position der humorlosen, unsouveränen, bierernsten Spassbremsen, die man für einmal tanzen lassen wollte. Man kommt ins Gespräch, und da die Polemik inhaltlich ruhig etwas anspruchslos sein darf, kann man sich mit der Negativität, die man verkörpert, köstlich schmücken, ohne dafür jegliche Verantwortung übernehmen zu müssen.

Also hier eine kurze Anleitung zum Basteln einer Polemik.

1. Themenwahl: Minderheitenkonsens angreifen

Wählen Sie am besten ein Thema, bei dem Sie davon ausgehen können, dass ein gewisser Grundkonsens besteht, gegen den Sie ankämpfen wollen. Dieser Grundkonsens sollte aber nur bei einer Minderheit bestehen, während die Mehrheit eigentlich schon vor dem Niederschreiben des ersten Wortes auf ihrer Seite stehen sollte. Idealerweise ist diese Konsensminderheit in einer relativ schwachen Position. Als Beispiel sei hier der Feminismus bzw. der Kampf um Geschlechtergleichstellung genannt. Natürlich könnte der Eindruck entstehen, über Fragen der Emanzipation herrsche Konsens, denn in den meisten Medien wird ja auch nicht dagegen angeschrieben. (Es gibt zwar Nischenerzeugnisse, die sich auch mal gern offensiv gegen die Gleichstellung aussprechen, doch diese bewegen sich oft im Bereich einer übergeordneten Polemik, deren Sinn sich darin erfüllt, nein zu sagen, wenn die andere ja sagen.) Sie können sicher sein: Die meisten werden bei der Lektüre ihres Textes mit dem Kopf nicken, dass ihnen die Hirnzellen durcheinandergeschüttelt werden. Nicht empfehlenswert ist indessen eine Polemik, wenn Sie davon ausgehen können, die Mehrheit tatsächlich gegen sich haben. Wenn Sie zum Beispiel in einem Text die überrissenen Gehälter von unfähigen Firmenbossen verteidigen, werden Sie damit nicht glücklich werden. Ausser, Sie sind Gewerkschaftsfunktionär, Jungsozialist oder ein berühmter Schriftsteller. In diesem Fall wird Ihre Wortmeldung mit ungläubiger Faszination aufgenommen. Als Journalistin oder Journalist sollten Sie von solchen Spielchen aber Abstand nehmen. Denn wichtig bei der Polemik ist, dass man keine ernsthaften Risiken eingeht.

2. Grundtenor: Wurde Zeit, dass es endlich mal jemand sagt

Machen Sie unmissverständlich klar, dass Ihr Text einzigartig ist in seiner Unkonventionalität und Transgressivität. Um beim Beispiel zu bleiben: Machen Sie klar, dass Feminismus heute „zum guten Ton gehört“, dass alle Menschen Feministinnen und Feministen sind, dass kein Mensch auf die Idee kommen würde, etwas dagegen zu sagen; aber das wird sich ändern, und zwar nur deswegen, weil sie Ihren Artikel jetzt endlich geschrieben haben. Sie werden allen die Augen öffnen. Und den Geist.

Dass ein grosser Teil der Wortmeldungen zum Thema gar nicht dem angeblichen „guten Ton“ folgen und Sie mit ihrer Polemik eigentlich praktisch schon dem Mainstream angehören, dass also zum Beispiel Feminismuskritik inzwischen munter gepflegt wird, tut nichts zur Sache. Sie werden Zustimmung erfahren. Allerdings nicht, weil sie jemandem die Augen geöffnet hätten, sondern weil sie die Zustimmenden schon von Anfang auf ihrer Seite hatten.

3. Stil: Überlegen und Besserwisserisch

Da Sie sich nicht um die Stichhaltigkeit Ihrer Argumentation kümmern müssen, dürfen Sie kräftig an der Selbstbewusstseinsschraube drehen. Äussern Sie Ihre Meinungen apodiktisch, denn Ihr Publikum wird Ihnen Halbherzigkeiten nicht verzeihen. Werden Sie auch gerne mal persönlich, kümmern Sie sich nicht um die Befindlichkeiten der Angegriffenen, denn die haben ja die moralische (wenn auch nicht zahlenmässige) Mehrheit hinter sich, sind also die Mächtigen. Sie aber sind der Rufer in der Wüste. Ausserdem provozieren Sie auf diese Weise möglicherweise Reaktionen, die sich später noch ausschlachten lassen (s. Punkt 5). Denken Sie daran: Arroganz ist in diesem Fall eine Tugend.

 4. Hilfsmittel: Seien Sie unzimperlich und kreativ

Jede gute Polemik kommt mit wenig Wahrheit aus. Erfinden Sie ruhig Erlebnisse, legen Sie imaginären Bekanntschaften imaginäre Zitate in den imaginären Mund, um Ihre Thesen plastischer herauszuarbeiten. Wer da auf Quellen und Belege pocht, ist ein Erbsenzähler, der Ihren provokativen Argumenten nichts entgegenzuhalten weiss.

 5. Nachbearbeitung

Polemik: Die Entgegnung auf die EntgegnungSollte eine Vertreterin oder ein Vertreter des „moralischen Mainstreams“ tatsächlich auf die Idee kommen, Ihrer Polemik etwas entgegenzusetzten, sollten Sie alle Skrupelballast abwerfen. Ein Beispiel dafür, wie eine Entgegnung auf die Entgegnung ausschauen könnte, finden Sie abgebildet. Wenn es erforderlich ist, stellen Sie sich einfach als Opfer des Mainstreams dar, das wegen der geäusserten unbequemen Wahrheiten mundtot gemacht werden soll. Was aber selbstverständlich nicht gelingen wird.

 Denn was Sie sagen, musste endlich mal gesagt werden.

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