Pressesprecher – die «dunkle Seite» der Macht

Manche Journalisten stören sich daran, dass Pressesprecher Interviews vor dem Abdruck gegenlesen möchten. Das ist verständlich. Aber nicht in jedem Fall dient das Gegenlesen der Verschleierung und Manipulation. Als Pressesprecher gebe ich hier meinen Mostrich dazu.

In einem Blogeintrag geht der Journalist Peter Hossli mit der «Unkultur des Gegenlesens» hart ins Gericht. Und gleichzeitig mit der Spezies der Pressesprecher:

Genau. Pressesprecher verlangen, Interviews abzusegnen bevor sie in den Druck gehen.

Häufig ist das Teil der Vereinbarung zwischen Interviewer und Interviewtem. Eine Art Vertrag, der meist noch weiter geht. So sichern sich hochbezahlte Pressesprecher das Recht, ganze gesagte Passagen zu streichen, sie umzuschreiben oder neue hinzuzufügen. Nur unter diesen Bedingungen gewähren sie Interviews mit ihren Chefs. Ihr Ziel: Die absolute Kontrolle über das, was publiziert wird.

Ja, es ist klar: Pressesprecher sind nicht nur hochbezahlt (und damit ja schon per se böse), nein: Sie sehen ihre Kernaufgabe darin, Kontrolle über das, was publiziert wird, zu behalten, d.h. die öffentliche Wahrnehmung zu manipulieren, wogegen die Journalisten nur der Wahrheit verpflichtet sind. Es ist ein Kampf des Guten gegen das Böse, des Lichts gegen die dunkle Seite.

Vermutlich hat Hossli gar nicht so Unrecht damit, dass das «Gut zum Druck» häufig missbraucht wird, um die Berichterstattung gemäss den eigenen Interessen zu verbiegen. Aber vielleicht sollte man sich auch einmal vor Augen führen, was ein «Quote» in einem Presserzeugnis darstellt: Da wird in mehr oder weniger direkter Rede eine Äusserung wiedergegeben, die der Interviewpartner getätigt hat. D.h., es ist nicht die Formulierung des Journalisten, es ist weder seine persönliche Meinung, noch seine Schlussfolgerung, noch seine Mutmassung – nein, es ist das, was die befragte Person gesagt hat. Darauf kann sie behaftet werden, dafür muss sie gerade stehen. Ist es also so abwegig, dass man der betreffenden Person Gelegenheit gibt, zu prüfen, ob die wiedergegebenen Zitate tatsächlich so gesagt worden sind? Es kann ja sogar Journalisten – ja, sogar guten Journalisten – passieren, dass sie etwas nicht ganz richtig verstanden haben. Es ist doch in ihrem Interesse, dass das berichtigt wird.

Dabei ist der Pressesprecher ja eigentlich ein Dienstleister mit zwei Anspruchsgruppen: Seinem Brötchengeber, dessen Interessen er im Auge behalten muss und entsprechend zu handeln hat; aber eben auch der Presse, die Anspruch auf Informationen hat. In diesem Spannungsfeld hat der Pressesprecher zu arbeiten. Wenn er seine Unternehmung oder Organisation durch ungeschicktes Handeln ständig in die Bredouille bringt, macht er seinen Job nicht richtig. Wenn er für Medienschaffende als unüberwindlicher Cerberus agiert, macht er ihn m.E. auch nicht richtig.

Wenn also ein Journalist ein Interview führt, hat er Anspruch darauf, dass die Äusserungen, die getätigt wurden, auch tatsächlich drin stehen.  Es ist Aufgabe der vielgescholtenen Pressesprecher, ihre Vorgesetzten so zu briefen, dass sie keinen Unsinn erzählen. Andererseits hat der Interviewte Anspruch darauf, dass in dem Interview nur das drinsteht, was er wirklich auch gesagt hat. Und hier kann das Gegenlesen hässliche Missverständnisse im Voraus verhindern.

Zum Schluss eine kleine Anekdote, die veranschaulicht, dass sogar bei Radiointerviews etwas schief laufen kann, und zwar ohne böswillige Manipulationen oder Schnittechniken.

Ein Radiosender hat mich befragt zum Thema „Ablenkung am Steuer“, und ob es sinnvoll wäre, mehr Verbote zu erlassen, um dem Problem zu begegnen. So z.B. ein Verbot von Navigeräten oder Musikanlagen. Meine Äusserung, die dann auch über den Äther ging, war eigentlich ziemlich deutlich: „Nein, mehr Verbote sind nicht sinnvoll, es kann nicht sein, dass man alles auf gesetzlichem Weg regeln will. Man muss an die Vernunft der Menschen appellieren“. Dies sinngemäss meine Aussage.

Etwas überrascht war ich dann, als meinen Organisation plötzlich von Protestschreiben und-anrufen überrollt wurde. Was uns einfalle, Navi-Geräte verbieten zu wollen? Wir seien von allen guten Geistern verlassen, wir wollen das Transportgewerbe zu Grabe tragen etc. etc. pp.

Unnötig zu erwähnen, dass ich anfing, an meinem Urteilsvermügen zu zweifeln. Habe ich denn tatsächlich das Gegenteil dessen geäussert, was ich zu äussern geglaubt hatte? Ich fand den Beitrag auf der Website des Senders, hörte ihn mir an, und war zwar erleichtert, dass ich den Verstand doch nicht verloren hatte, doch die Irritation blieb. Wie konnte man aus einem „es braucht nicht noch mehr Verbote“ ein „Navi-Geräte müssen verboten werden“ heraushören?

Des Rätsels Lösung: Auf der Facebook-Seite des Senders war eine Diskussion lanciert worden. Dort hiess es, meine Organisation möchte am liebsten alle elektronischen Geräte aus dem Fahrzeug verbannen. Was die User davon hielten, war die Frage. Ich denke, wir alle können uns vorstellen, was die User davon hielten.

Mein Gespräch mit dem zuständigen Redaktor brachte dann teilweise Klärung: Ja, es stimme schon, dass ich im Interview gesagt habe, es brauche keine neuen Verbote. Aber im Vorgespräch hätte ich auf seine Frage, ob das Auto denn nicht sicherer wäre, wenn keine elektronischen Geräte drin wären, mit ja geantwortet. Darum habe er das so gebracht. Er habe ja auch nicht geschrieben, wir forderten ein Verbot, sondern nur, wir möchten am liebsten alle Geräte verbannen.  Damit sehe er keine Falschbehauptung.

Das Gespräch endete friedlich, mit einer Entschuldigung des Radiomenschen, nachdem ich ihm erklärt hatte, dass diese kleine Spitzfindigkeit nichts daran ändere, wie der Facebook-Eintrag aufgenommen worden sei, und dass das wohl ja auch genau so beabsichtigt war.

Ich bin ihm und seinem Sender auch keinesweg böse deswegen, nachtragend bin ich schon lange nicht. Aber es hat mir doch einmal mehr vor Augen geführt, dass das, was man sagt, und das, was gemeldet wird, nicht immer zu 100% deckungsgleich sein muss.

Insofern – und nur insofern – kann ich Hosslis Ablehnung des Gegenlesens an sich nicht teilen. Schliesslich sollten wir alle ein Interesse daran haben, dass möglichst faktengetreu berichtet wird. Daher ist das Gegenlesen in meinen Augen – und so, wie ich es zu betreiben pflege – eher eine Dienstleistung als eine Schikane.

Share Button
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Medienkritik, Uncategorized und getaggt als , , . Fügen Sie den permalink zu Ihren Favoriten hinzu.

16 Responses to Pressesprecher – die «dunkle Seite» der Macht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.