Bei Anruf Selbstmord?

Der Fall der Krankenschwester, die nach dem Telefonscherz eines australischen Radiosenders aus dem Leben schied, bewegt zurzeit (aber wohl nicht mehr lange) die Welt. Noch herrscht Unklarheit darüber, ob der Juxanruf in einem direkten kausalen Zusammenhang zum Tod der Frau steht. Darüber soll an dieser Stelle denn auch nicht weiter spekuliert werden. Dennoch sollte der Vorfall als Anlass dienen, über etwas nachzudenken, das den altmodischen Namen «Verantwortung» trägt.

Ich habe keine Mühe damit, die öffentlich geäusserte Bestürzung der beiden Radio-Menschen für aufrichtig zu halten. Man müsste schon mit einem erheblichen Mass an Zynismus und krimineller Energie ausgestattet sein, liesse es einen kalt, dass man mit seiner Handlung einen Menschen möglicherweise in den Tod getrieben hat. Und selbstredend darf man darauf hinweisen, dass Jux-Anrufe seit jeher sehr beliebt sind und niemand mit einer solchen fatalen Entwicklung hätte rechnen müssen.

Ja, das stimmt, niemand musste damit rechnen. Aber jeder konnte damit rechnen. Denn was wissen die Medien schon über die Leute, die sie ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zerren, wo sie eigentlich nichts zu suchen haben? Ist jemand möglicherweise depressiv, geplagt von Angstzuständen? Hat er oder sie vielleicht gerade Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, wird von Kollegen gemobbt? Vielleicht eine Kombination von beidem? Nein, das können die Medienleute nicht wissen.

Nun stellt sich allerdings die Frage: Wäre es wirklich so viel verlangt gewesen, diesen Scherzanruf wirklich nur dann zu senden, wenn das explizite Einverständnis der Gelackmeiertern vorgelegen hätte? Klar, die Leute vom Sender geben an, sie hätten mit der Klinik Kontakt aufgenommen, aber niemanden erreicht. Nun, das mag stimmen, das mag nicht stimmen (das Krankenhaus streitet es ab), Fakt ist: Ohne die Einwilligung der betroffenen Person hätte dieser Telefonjux niemals über den Äther gehen dürfen.

Es gibt Menschen, die suchen die mediale Öffentlichkeit, sie lassen sich nackt in Boulevardzeitungen ablichten, treten in Talk-Shows auf oder suchen sonstwie 15 Minuten Bekanntheit. Und Journalisten sind oft den Umgang mit Politikern und sonstigen Prominenten gewohnt, für die eine Falschmeldung, eine öffentliche Demütigung oder eine persönliche Abrechnung «part of the game» ist. Für andere Menschen aber ist es eine unvorstellbare Belastung, sich wehrlos einer vierten Gewalt ausgeliefert zu sehen, die einen erfasst wie ein Tornado. Die Krankenschwester, von der eingangs die Rede war, soll an ihrem Arbeitsplatz – auch von ihren Vorgesetzten – und in ihrem privaten Umfeld keinerlei Beanstandungen und Verspottungen ausgesetzt worden sein, nachdem der fragliche Beitrag gesendet wurde. Das will ich gern glauben. Aber die Erfahrung zeigt, dass ein solides und solidarisches nahes Umfeld nicht immer ausreicht, den Spott und Hohn der «ganzen Welt» aufzufangen und zu neutralisieren. Diejenigen, die die Krankenschwester kannten, waren vermutlich nicht das Problem. Möglicherweise aber diejenigen, die sie nicht kannten.

An erster Stelle die beiden Radiomoderatoren.

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2 Responses to Bei Anruf Selbstmord?

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  2. Pingback: Die Sache mit den Stöckchen » Sachen halt

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