Die Sache mit den Totenbildern

Wer sich in so genannt sozialen Medien wie Twitter oder Facebook tummelt, ist vor folgender Erfahrung nicht gefeit: Man liest in seiner Timeline, was die Freunde oder Follower so anstellen, was auf der Welt so los ist, was es für niedliche Katzenbilder gibt oder was für endlose Diskussionen über die immergleichen Themen wieder einmal am toben sind – und plötzlich sieht man Leichen. Nicht etwa Filmleichen aus Horror- oder Brutalofilmen, nein, Leichen von Menschen wie du und ich. Entstellte Kinder, massakrierte Frauen, Männer in Blutlachen, Flugzeugabsturzopfer, die noch an ihren Sitzen festgeschnallt sind, ganze Leichen, Leichenteile, zweigeteilte Leichen …

Je nachdem, wer diese Leichenbilder in Umlauf setzt oder aber zu deren Verbreitung beiträgt, kann sich – abhängig davon, ob gerade Zeit dafür ist – dann sogar eine öffentliche Diskussion über dieses Phänomen entfalten. Sind es zum Beispiel Journalisten, stellen sich dann andere Journalisten die Frage, ob es denn zulässig sei, in welchem Rahmen es zulässig sei, bei welchen Todesursachen es zulässig sei, in welchen Medien es zulässig sei … Es gibt dazu Kommentare, Kolumnen, Radiosendungen, TV-Sendungen. Journalisten klären in trauter Runde all die Fragen um dieses Thema. Das Ganze ist also eine medieninterne Diskussion, nicht anders, als wenn man sich fragt, ob man die Online-Inhalte der Medien kostenpflichtig machen will oder wie das Verhältnis zwischen Journalismus und PR aussieht.

Ich bin kein Journalist, kein Medienethiker, kein Philosoph und auch sonst keiner, der dazu Massgebliches zu sagen hat. Aber ich habe ein Blog und ich habe eine Meinung. Und dazu kommt noch, dass ich Medienkonsument bin, also irgendwie auch davon betroffen, wenn solche Bilder in Umlauf gesetzt werden. Daher also hier ein paar Worte zur Sache.

Die ethische Frage stellt sich m.E. in Bezug auf die Lebenden. Angehörige der Abgebildeten etwa, aber auch Unbeteiligte, die damit auf eigene Erlebnisse zurückgeführt werden (weil sie zum Beispiel selber jemanden bei einem Flugueugabsturz verloren haben).

Für mich besteht das eigentliche Skandalon aber in der Entmenschlichung des Menschen bei der Verwendung solcher Bilder. Unter dem wohlfeilen Vorwand, den Krieg „sichtbar“ zu machen oder „nahe zu bringen“ werden ganz andere Bedürfnisse gestillt. Der menschliche Leichnam wird zum Instrument, sei es zum Zwecke der Generierung von Aufmerksamkeit (via Voyeurismus), sei es aufgrund der propagandistisch ausschlachtbaren Suggestivkraft.

Das Phänomen ist nicht neu. Früher benutzte man die Zurschaustellung von Leichen oder gewisser Teile davon zur Abschreckung von Delinquenten, zur Einschüchterung von Feinden oder zur Erhöhung des Personenkults (man denke etwa an das Lenin-Mausoleum). Der Leichnam wird auf diese Weise zum Zeichen, zum Bedeutungsträger, zum blossen Significans. Der Mensch hat nach seinem Tod aufgehört, Mensch zu sein. Der Mensch wird seiner postulierten Würde vorsätzlich beraubt, er wird verfügbar gemacht für verschiedene Zwecke. Zu behaupten, das Bild getöteter Menschen habe einen wie auch immer gearteten Informationswert, ist so manifest abwegig, dass man sich nur an den Kopf langen kann, wenn man das hört. Braucht der Mensch Bilder von Leichen oder Leichenteilen, um sich bewusst zu machen, dass ein gewaltsamer Tod etwas Schlimmes ist? Muss er ein zerfetztes Kindergesicht erst sehen, um Mitgefühl mit den Kindern zu haben, die Krieg und Verwüstung ausgesetzt sind?

Ich will es mir aber auch nicht zu einfach machen, was ich hier schreibe, gilt nicht absolut. Die grauenvollen Aufnahmen der Leichenberge in den NS-Konzentrationslagern mussten wohl der Welt vor Augen geführt werden, damit man sich eine Vorstellung davon machen kann, was zu jener Zeit mitten in Europa geschah. Es handelte sich dabei um eine  Unmenschlichkeit, die weit über die Vorstellungskraft der Menschen hinausging. So zynisch das klingen mag: Die besagten Bilder hatten tatsächlich einen Informationswert, weil sich wohl niemand das Ausmass an Barbarei vorstellen konnte.

Man soll die Augen vor der grausamen Realität des Krieges auch heute nicht verschliessen, so viel ist klar. Aber was sich gegenwärtig in den sozialen Medien abspielt, hat viel mit Sensationsgier, Voyeurismus, „Thrill“ und Propaganda zu tun, aber reichlich wenig mit Mitgefühl, Empathie und Menschlichkeit im guten Sinne.

 

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2 Responses to Die Sache mit den Totenbildern

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