Weisungen halt

Vor ein paar Jahren wurde in einer Schule eine halbtägige Sitzung durchgeführt, anlässlich derer sich die gesamte Lehrerinnen- und Lehrerschaft der Frage zuwandte, ob den Schülerinnen und Schülern das Tragen von Kopfbedeckungen während des Unterrichts per Weisung zu untersagen sei. Die Meinungen dazu gingen auseinander, am Ende obsiegte aber die restriktivere Linie. Hut ab.

Da ich selber nicht die Ehre habe, dem Berufsstand der Schullehrkräfte anzugehören, erfuhr ich davon aus zweiter Hand. Ich fand die Sache etwas befremdlich. Nicht so sehr die Frage nach der Kleiderordnung. Eher die Tatsache, dass man die Angelegenheit in eine Weisung, eine Richtlinie oder ein Reglement packen musste. Als Lehrer bin ich doch der Boss, dachte ich mir, und da sollte ich doch qua Autorität darüber bestimmen dürfen, ob’s mir nun passt oder nicht, wenn meine Schüler ein beknackt aussehendes Käppi tragen oder nicht. Und wenn mich der betreffende Schüler fragt, warum ich das nicht zulasse (mal diesen Fall angenommen), wenn es doch Frau XY erlaubt, würde ich einfach antworten: Weil ich es so sage.

Papier statt Führung

Es liegt mir fern, die Lehrpersonen oder auch die Schulleitung zu kritisieren, die Schule heute ist in manchen Dingen nicht mehr so, wie sie zu meinen Zeiten war. Übrigens ein Grund, warum ich entgegen meinen Absichten diese interessante Laufbahn seinerzeit nicht ergriff. Mit den Teenagern werde ich vielleicht noch fertig, nicht aber mit deren Eltern … Es ist aber symptomatisch und keineswegs auf die Schulsituation beschränkt, dass Papier herhalten muss, um Dinge zu regeln, die man als Führungsperson eigentlich auch ohne Weisung oder Reglement durchsetzen sollte. Es ist einfach eine grosse Furcht da, dass das System ausgereizt und missbraucht wird, ohne dass man etwas dagegen tun kann.

Ein Teufelskreis

Auch am Arbeitsplatz kennt man solche Vorgänge. Es soll in gewissen Organisationen sogar Weisungen darüber geben, welcher Natur und Dauer die Privatgespräche seien dürfen, die man während der Arbeitszeit mit seinen Arbeitskollegen führt. Und dass man nicht über die Vorgesetzten schimpfen darf, wurde auch schon reglementarisch festgehalten. Da erübrigt sich jeder Kommentar.

Die Krux dabei ist: Erreicht die Regelmentierungswut eine kritische Grösse, bewirkt sie das Gegenteil. Wenn fast alles schriftlich festgelegt wird, gilt auf einmal alles, was nicht ausdrücklich per Weisung verboten ist, als erlaubt. Folge davon: Neue Weisungen, und es hört nie auf.

Ich bin ja froh, leben wir nicht mehr in einer so autoritätsgläubigen Gesellschaft wie vor einem halben Jahrhundert. Doch Autorität lässt sich auch nicht einfach outsourcen, und eine Papierprothese macht aus einem führungsschwachen Menschen noch lange keine Leitfigur.

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4 Responses to Weisungen halt

  1. Flurinas sagt:

    Ich teile Ihre Meinung. Immer mehr Papier produzieren – immer weniger mit den Menschen sprechen, immer weniger führen.

    Immer mehr über die Arbeit sprechen – Ziele setzen, planen, überwachen, messen, Indikatoren/Trends verfolgen, bewerten, Verbesserungsmassnahmen definieren und umsetzen, Zwischenberichte schreiben – wer führt die Arbeit aus?

  2. Peter sagt:

    Tschou Dani. Es scheint, als seist du nicht ganz mit dem Leitbild für Führungskräfte einverstanden, gell? 😉

  3. (Ich muss es zu Beginn noch einmal sagen – dieser Blog ist sehr angenehm zu lesen und toll gestaltet. Und ich dachte, nur WordPress-Blogs können ansprechend aussehen.)
    Ich bin völlig einverstanden – als Lehrer. An einer früheren Schule habe ich viele Lager geleitet, Klassenlager, Skilager. Ein erfahrener Kollege arbeitete in langen Nächsten detaillierte Regelwerke aus, wo Kissenschlachten explizit verboten waren, Nachtruhezeiten genau geregelt und Strafen detailliert aufgelistet. Diesem Lehrer passierte immer dasselbe: Die Schülerinnen und Schüler taten etwas Unerwünschtes und oder Dummes, das im Regelkatalog aber nicht aufgeführt war – und es bahnten sich hässliche Konflikte mit Eltern und SchülerInnen an.
    An dieser Schule habe ich meine ersten Erfahrungen gesammelt und auch lange Diskussionen über Kopfbedeckungs- und Kaugummiverbote geführt. Mein Fazit: Kinder können schon sehr früh lernen, dass Regeln mit den anwesenden Personen ausgehandelt werden können und Teil einer Kultur sind. Sie brauchen keine Reglemente oder Weisungen, sie brauchen Präsenz: Eine Person, die sie kennt und die mit ihnen aushandelt, was erlaubt ist und was nicht. Sie brauchen keine Strafkataloge, weil Strafen weniger effizient sind als Einsicht – aber sie brauchen eine Instanz, die sie auf vernünftige Regeln des Miteinanders aufmerksam macht und eingreift, wenn Grenzen verletzt werden.
    Das heißt: Eine Lehrperson soll darüber bestimmen, was in einem Unterrichtsraum möglich ist und was nicht. Selbstverständlich innerhalb der Grenzen des Gesetzes und innerhalb der Gebote der Kollegialität. Aber wenn Lehrperson A Mützen erlaubt und Kaugummis verbietet und Lehrperson B umgekehrt vorgeht, dann führt das zu keinen Problemen.
    Noch knapper: Ein Problem kann nie über Anpassungen des Systems gelöst werden, sondern muss als Problem erfasst werden.

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