Zürich halt (eine Liebeserklärung)

Zürich muss man einfach liebhaben. Gut, man hört da und dort noch eine Sprache, die etwas gewöhnungsbedürftig ist. Das will aber nichts heissen, denn es gibt ja auch Menschen, die beim Klang eines Motorrades in helle Verzückung geraten, während andere fürchten, sich vom lauten Knattern und Heulen einen dauerhaften Hörschaden zuzuziehen. Objektiv ist gegen das Züritüütsch nichts einzuwenden, und wenn man den Befürchtungen einer jungen Politikerin aus dem Tösstal folgen will, erledigt sich das Problem innerhalb einer Generation von selbst. Und wenn’s denn mal soweit sein sollte, wird man sich das Lokalidiom der Zwinglistadt zurückwünschen.

Metropole mit Parkplatzproblemen

Zürich ist eine liebenswerte Stadt. Auch wenn man fern von der Limmat mit einer gewissen Irritation auf ihr traditionsreichstes Ereignis im Jahr sieht, bei dem sich die städtische Haute-Volée in sonderbarer Gewandung selbst feiert, wobei der Höhepunkt der Festivitäten aus einem pyrotechnisch-brachialen Spektakel besteht, bei dem jeder Basler Fussballhooligan glänzende Äuglein bekommt.  Noch irritierender daran ist, dass die ganze Deutschschweiz mehr oder weniger genötigt wird, eben diesem Spektakel medial beizuwohnen, weil die grossen Medienhäuser da jeweils Gelegenheit bekommen, viel Prominenz anzutreffen, ohne grosse Strecken zurücklegen zu müssen.

Ja, Zürich kann man nicht nicht lieben. Zwar gebärdet sie sich immer mal wieder als Metropole, als Weltstadt, doch ihr vordringlichstes Problem scheint in der Frage zu bestehen, wieviele Parkplätze es dort gibt bzw. geben darf oder sollte. Mexiko City kann mit Derartigem nicht aufwarten (denke ich zumindest). Einverstanden, vor zwei Jahrzehnten wurde die Stadt weltweit bekannt, und «Needlepark» war mehr Leuten ein Begriff als die Space Needle in Seattle. Unter anderem ist es einer klugen Politik zu verdanken, dass diese Art von Bekanntheit nicht lange anhielt.

Hauptstadt deutschsprachiger Kultur

Wohlgemerkt: Zürich ist schon eine Stadt von Weltrang. Zwar wurde die bedeutendste physikalische Entdeckung des letzten Jahrhunderts woanders gemacht, aber was heisst das schon. Bedeutsamkeit ist relativ. Immerhin gewährte die Stadt an der Limmat in düsteren Zeiten zahllosen verfolgten Intellektuellen und Künstlern Unterschlupf, die Stadt wurde gewissermassen zur Hauptstadt der deutschsprachigen Kultur (mal abgesehen von den Pacific Palisades in Kalifornien), als anderndorts ebendiese Kultur unter die Stiefel kam. Gleichzeitig arbeiteten die OSS-Leute übrigens in Bern mit Hochdruck daran, den unwürdigen Zustand in Europa einem Ende zuzuführen.

Als die Friedenszeiten dann endlich anbrachen, wurde eine andere Schweizer Stadt im grössten Teil des deutschsprachigen Raumes deutlich populärer als Zürich, weil sich in ihr ein Wunder ereignete.

Einen wahrhaft grossen Moment erlebte Zürich, als sich die Stadt (ich nehme an via Tourismus-Behörde) den wunderbar treffenden Claim «Little Big City» gab. Es ist bedauerlich, dass man davon wieder abgerückt ist (bzw. es wäre dann nicht bedauerlich, wenn man sich künftig jeden anderen Claim gespart hätte). In einigen Dingen muss Zürich sich nämlich mit ihrer Zweitrangigkeit abgeben, sei’s beim Fussball, beim Mundartrock, beim Klima … und auch Dürrenmatt war der viel grössere Schriftsteller als Frisch, objektiv betrachtet (versteht sich). Aber dennnoch ist Zürich eine kleine Stadt, die immer wieder in der Lage ist, eine gewisse Grösse an den Tag zu legen. Und darum muss man die Stadt einfach liebhaben.

Und vor allem hat es in Zürich einen See.

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2 Responses to Zürich halt (eine Liebeserklärung)

  1. Anna sagt:

    „Objektiv betrachtet?“ Ich nehme an, Du kennst den letzten Brief von Frisch an Dürrenmatt? http://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/Was-von-Frisch-und-Duerrenmatt-bleibt/story/27327952

    Frisch ist – wie Bachmann – hervorragend, wenn man gerade wieder den eigenen Fall zur Welt macht, Dürrenmatt in den lichteren Phasen dazwischen. Eine Preisverleihung ist überflüssig.

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